Wie falsche Informationen verbreitet werden.
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Während noch in der Studie gekennzeichnet wird, wo mit Annahmen und Modellen und wo mit Zahlen oder reduzierten Kohorten gearbeitet wurde jeder geneigte Leser sich seinen Teil dabe denken kann, macht der Fokus daraus harte Fakten, die mit der Studie nicht belegt sind.
https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2842305
Lockdowns, Kontaktsperren, Impfungen - die gesellschaftliche Aufarbeitung der Corona-Zeit ist bis heute ein Minenfeld. Umso größer ist die Wirkung, wenn Medien neue angebliche „Riesen-Studien“ präsentieren, die scheinbar endgültige Antworten liefern sollen. Genau das passiert in einem Beitrag von FOCUS online vom 05.02.2026. https://www.focus.de/gesundheit/news/riesen-studie-wie-gut-corona-impfungen-wirkten-und-welche-effekte-sie-noch-hatten_b7086327-998e-4d6f-92f6-503a6871c2e1.html
Dort wird eine französische Registerstudie aus JAMA Network Open zur Bestätigung für eine starke Botschaft verdichtet – bis hin zur Behauptung, die Impfung senke sogar das Sterberisiko an anderen Krankheiten.
Das Problem: Wer nur die Schlagzeile und die herausgepickten Zahlen sieht, merkt nicht, dass hier beobachtete Daten, statistische Modellschätzer und Teilanalyse-Zahlen so eng aneinandergeklemmt und verschachtelt werden, dass sie wie „Tatsachen“ wirken.
Nur der Mix aus Annahmen, Modellen und Tatsachen wird immer eine Fiktion als Resultat hervorbringen und niemals die Wahrheit. Die Autoren erklären in ihrem Aufsatz ganz offen, wo sie modellierten, Schätzen oder Kohorten “bereinigten”, Zeiträume eingrenzten.
Und an mindestens einer Stelle sind Zahlen im FOCUS-Text sogar offensichtlich falsch übertragen.
Dieser Artikel erklärt – für ungeübte Leser –, an welchen Stellschrauben die sog. „harten Zahlen“ hängen, wo Modellannahmen als Fakten klingen und welche Verkürzungen aus einer differenzierten Studie eine einseitige Erzählung machen. Ob das Absicht oder Routine ist, lässt sich von außen nicht beweisen; die Wirkung ist in jedem Fall dieselbe: Fehlsteuerung durch Zahlenrhetorik. Die Tatsache, dass es faktisch das Pendant zum PEI in Frankreich macht zeigt, wieviel Druck die Impfhersteller machen, um sich hinter irgendetwas neu klingendem wieder verstecken zu können.
1) Was FOCUS suggeriert – und was die Studie tatsächlich ist
FOCUS schreibt, die Studie zeige nicht nur Sicherheit, sondern auch, dass eine mRNA-Impfung„statistisch gesehen“ das Risiko, an anderen Erkrankungen zu sterben senke.
Die französische Studie ist jedoch keine klinische, randomisierte Impfstoffprüfung. Sie ist eine Beobachtungsstudie auf Basis des französischen Gesundheitsdatensystems, mit gewichteten Cox-Modellen (also Statistik-Modellen), um geimpfte und ungeimpfte Personen rechnerisch vergleichbar zu machen. Die Autoren betonen selbst methodische Herausforderungen wie Confounding (systematische Unterschiede zwischen den Gruppen).
Das ist nicht „wertlos“ – im Gegenteil, dass aus Registerdaten sich wichtige Sicherheitssignale erkennen lassen ist denkbar. Aber: Registerdaten plus Modelle liefern Schätzungen, keine „Messwerte wie mit dem Thermometer“.
2) Stellschraube Nr. 1: Der Zeitraum wird in der Medienfassung verschoben
FOCUS formuliert, man habe knapp vier Jahre „November 2021 bis September 2025“ verglichen.
In der Studie steht aber etwas anderes:
Die Autoren schreiben, die Datenanalyse lief „von Juni 2024 bis September 2025“.
Das Studienende (study termination) für die Zeit-bis-Tod-Auswertung ist 31. März 2025.
„September 2025“ ist also kein Follow-up-Ende, sondern ein Analysezeitpunkt. Für Laien klingt das klein – ist es aber nicht: Aus „wir haben bis März 2025 Follow-up“ wird in der Schlagzeile „bis September 2025 beobachtet“, also „noch länger und noch sicherer“. Das ist eine klassische Halbwahrheit: ein echtes Datum, aber in der falschen Schublade.
3) Stellschraube Nr. 2: Der „sterbefreie“ Start – die ersten 6 Monate zählen in der Hauptanalyse nicht
Jeder weiß, dass bei den Impfungen die Todeszahlen und die schweren Verletzungen innerhalb der ersten 6 Monate nach der Impfung in der Regel eintrafen. Genau die Gruppe wird als Modell künstlich ausgeklammert.
Ein Satz aus der Studie ist für Laien Gold wert – und wird in populären Zusammenfassungen fast nie erklärt:
„Note that individuals are, by definition, alive during the first 6 months of follow-up.“
Was heißt das? Für die Hauptanalyse beginnt das Follow-up erst 6 Monate nach einem Indexdatum – bei Geimpften nach der ersten Dosis, bei Ungeimpften nach einem künstlich zugewiesenen Datum (dazu gleich mehr).
Die Autoren machen das, um einen Bias zu vermeiden (immortal time bias). Methodisch ist das nachvollziehbar – aber kommunikativ heikel. Wenn Medien dann „4-Jahres-Sterblichkeit“ schreiben, klingt das nach „ab Tag 1“. Tatsächlich ist die zentrale Langzeit-Auswertung eine Art: „Langzeit außer die ersten 6 Monate nach Impfung“.
Die Sterblichkeit in den ersten 6 Monaten untersuchen die Autoren separat mit einem anderen Modell (SCCS). Auch das ist seriös – aber es ist eben nicht das, was ein Leser beim Wort „über fast vier Jahre“ automatisch versteht.
4) Stellschraube Nr. 3: Die Ungeimpften bekommen ein „Startdatum per Los“
Bei Geimpften ist das Startdatum klar: erster Impftermin + 6 Monate. Ungeimpfte haben so ein Datum nicht. Die Studie löst das so:
Ungeimpften wird ein random index date zugewiesen – also ein zufälliges Startdatum, das die Verteilung der Impfstartdaten der Geimpften nachbildet.
Für ungeübte Leser ist das entscheidend, dass ein Teil der scheinbar „harten“ Vergleichbarkeit nicht aus Messung entsteht, sondern aus Design-Entscheidung der Studie. Das ist nicht automatisch „Manipulation“ – aber es ist eine Annahme. Und Annahmen müssen sichtbar bleiben, wenn man aus Statistik Politik ableiten will.
5) Stellschraube Nr. 4: „Risiko minus 74%“ – aus einem Modellschätzer wird ein Faktensatz
FOCUS übernimmt die starke Formulierung: Geimpfte hätten ein „um 74 Prozent niedrigeres Risiko“, an schweren Covid-Verläufen zu sterben.
Die Studie berichtet dazu einen weighted hazard ratio (wHR) von 0,26 – also einen modellbasierten Hazard-Vergleich, der aus Gewichtung/Adjustierung entsteht.
Zwei Dinge gehen in der Medienfassung dann verloren:
„Hazard“ ist nicht „Risiko“ im Alltagsverständnis. Es ist eine Ereignisrate über die Zeit und hängt von Modellannahmen ab.
Die „74%“ sind im Kern die Umrechnung 1 – 0,26. Das ist eine relative Reduktion aus einem Modellwert – keine direkt beobachtete „Tatsache“.**
Noch brisanter ist, dass die absoluten Ereignisse in diesem Punkt klein sind. In der Studie sind es 280 vs. 308 Todesfälle „während Hospitalisierung wegen COVID“. Das kann wichtig sein – aber es ist ein anderes Gefühl als „74% weniger“, wenn man die Größenordnung sieht und den ausgelassen 6 Monatszeitraum bei den Geimpften zu beginn weglässt.
6) Stellschraube Nr. 5: Teilanalyse (bis 2023) wird als „gesamt“ verkauft – und dabei passieren Zahlendreher
FOCUS listet Todesursachen „pro einer Million Menschen“ auf (Krebs, Herz-Kreislauf, Verdauung, Atemsystem) und leitet daraus ab: „Dementsprechend schützte die Impfung … auch vor anderen Krankheiten als Corona.“
Hier wird es gleich doppelt heftig neben der Spur liegend:
a) Diese Todesursachen-Daten gelten nur bis 31.12.2023
Die Studie sagt ausdrücklich, dass Ursachen von Tod (aus dem CépiDc-Register) sind nur bis Ende 2023 verfügbar, via indirektem Matching – und bilden nur die „erste Hälfte“ des Follow-ups ab, 59% der Todesfälle.
Wenn ein Medium diese Zahlen als allgemeines „über fast vier Jahre“ präsentiert, fehlt die zentrale Einschränkung: Es ist eine Teilperiode + Matching-Logik + „unknown/unlinkable“ Kategorie in der Tabelle.
b) Im FOCUS-Text ist mindestens eine Zahl offenbar falsch übernommen
FOCUS schreibt beim „Atemsystem“ 282 vs. 367 Todesfälle pro Million – exakt dieselben Werte, die es in der Studie für Herz-Kreislauf (circulatory system) gibt.
In der Studie stehen für respiratory system dagegen 60 vs. 95 pro Million.
Das ist kein „Meinungsstreit“, sondern ein klassischer Copy-&-Paste-/Zuordnungsfehler. Und genau solche Fehler sind es, die bei Laien den Eindruck erzeugen: „Die Zahlen sind doch eindeutig!“ – obwohl die Darstellung bereits auf der Ebene der Tabellenzeile wackelt.
7) Stellschraube Nr. 6: Die wichtigste Einschränkung wird zur Randnotiz – Confounding
Die Autoren schreiben offen, dass langfristige Mortalität methodisch schwierig ist, weil sich Menschen, die sich impfen lassen, systematisch von denen unterscheiden können, die es nicht tun (healthy-vaccinee effect / frailty bias). Sie nennen auch, dass sozioökonomische Vorteile und besseres Gesundheitsmanagement in den Daten unvollständig abgebildet sein könnten und die negative Assoziation mit erklären können.
FOCUS erwähnt zwar „sozioökonomische Vorteile“ – aber der Ton kippt schnell Richtung „beweist“, „bestätigt“, „sehr sichere Aussagen“.
Die Studie formuliert dagegen deutlich vorsichtiger: Sie sieht keinen Hinweis auf erhöhte Gesamtsterblichkeit; gleichzeitig könne residual confounding bleiben, und die Schlussfolgerung ist vor allem: Ein kausaler Zusammenhang „mRNA → excess long-term mortality“ sei sehr unwahrscheinlich. Das ist etwas anderes als: „Die Impfung senkt Krebssterblichkeit.“
8) Warum das in der Corona-Aufarbeitung so toxisch ist
In der Pandemie haben viele Menschen gelernt, dass politische Maßnahmen oft auf Zahlen beruhen – und Zahlen auf Annahmen. Beispiele waren (je nach Kontext) die Gleichsetzung von „positiv getestet“ mit „infiziert“ oder die Frage „mit oder an COVID“; solche Debatten entzünden sich an Definitionen.
Im aktuellen Fall ist die Stellschraube eine andere – aber der Mechanismus ist gleich: Wenn Medien Modellschätzer, Design-Entscheidungen und Teilperioden so erzählen, als seien es direkte Tatsachen, entsteht eine Schein-Gewissheit. So wird die Halbwahrheit dann zur Lüge. Nicht im Aufsatz der Wissenschaftler, die es schon tendenziös nachweislich heftig nur in eine Richtung trieben aber dann im Fokus Artikel.
Und diese Schein-Gewissheit wirkt dann rückwärts.
Sie wird sofort zur moralischen Keule („jetzt ist es bewiesen“) oder zur politischen Munition („damals war alles richtig“). Genau damit wird die Debatte – über Impfpolitik ebenso wie über Lockdowns oder Kontaktsperren – nicht sachlicher, sondern härter, weil nicht die Sachaufklärung im Vordergrund steht, sondern sondern der Auftrag an die Behörde zielgerichtet dieses vorbestimmte Wunschergebnis zu basteln.
FAZIT:
Der Artikel im Fokus ist mit Ziffer 14 Pressekodex unvereinbar. Dort steht: “Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. Forschungsergebnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, sollten nicht als abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen dargestellt werden.”
Vielleicht sieht sich die Chefredaktion ihren sensationheischenden Beitrag nochmals an, berichtigt oder relativiert diesen oder nimmt diesen aus dem Netz.
Nach den Richtlinien hier auf X wären es Desinformationen, weil der behauptete Inhalt nicht von der Quelle in wesentlichen Teilen gestützt wird und die Einschränkungen nicht kenntlich gemacht wurden.
Von Rechtsanwalt Tobias Ulbrich auf X.
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