Der Planet Dystopia
Dystopia war ein weit entfernter Planet, auf dem sich das Leben anders entwickelt hatte, als auf der Erde. Die Dystopier atmeten Kohlendioxid ein und Sauerstoff aus. Sie waren eher den Pflanzen auf der Erde ähnlich. Das Leben der Dystopier war komplett anders organisiert, als auf der Erde. Es herrschten Zustände, die man sich auf der Erde nicht vorstellen kann, dort waren sie jedoch völlig normal. Der Begriff und die Vorstellung von „Freiheit“ war den Mächtigen wohl bekannt, es wurde jedoch sorgfältig darauf geachtet, dass er nicht in die Köpfe der Untergebenen gelangte. Und dennoch flammte der Begriff immer wieder in einigen Köpfen der Untergebenen auf, weil es auch auf Dystopia eine Bewusstseinsentwicklung gab, obwohl sich die Verhältnisse seit Jahrtausenden nicht verändert hatten. Sie zu beschreiben, ist nur mit Begriffen von der Erde möglich. Auf „Dystopisch“ würde sie hier niemand verstehen können.
Auf Dystopia lebten Untertanen, die sich gar nicht bewusst waren, dass sie Sklaven waren. Die Grenzen, innerhalb derer sie sich bewegen konnten, waren gerade so weit genug entfernt, dass sie sie in ihrem Alltag nicht sehen konnten. Sie lebten überwiegend in Städten, in denen es gar keine Notwendigkeit gab, sie zu verlassen, weil sie dort alles vorfanden, was sie zum Leben brauchten. Diese Städte befanden sich im Mittelpunkt von Dystopia, je näher man den Grenzen kam, desto dünner war der Planet besiedelt, es gab einen breiten Streifen vor der Grenze, ein Niemandsland, das gar nicht besiedelt war und auch nicht besiedelt werden durfte.
Man darf sich diese Grenzen jedoch nicht ausschließlich mit Zäunen, Stacheldraht, Schießanlagen, Gräben usw. vorstellen. Auf diesem Planeten herrschten eben ganz andere Verhältnisse.
Mit irdischen Zuständen verglichen, waren diese Grenzen vor allem aber im Geistigen angesiedelt. Die Grenzen befanden sich in den Köpfen der Sklaven. So musste es gar nicht verboten werden, sich dem unbesiedelten Gebiet zu nähern oder es gar zu betreten. Man kam von selbst gar nicht auf die Idee dort einmal aus Neugierde hingehen zu wollen.
Das war möglich, weil den Sklaven ständig eine Substanz unter die Nahrung gemischt wurde, die kritisches Denken erst gar nicht aufkommen ließ.
Mit der Zeit ließ die Wirkung jedoch nach. Die Machthaber, die Sklavenhalter, bemerkten das und begannen nach einer neuen, stärkeren Substanz zu forschen, die besser wirkte und die in der Lage war, die Sklaven weiterhin auf dem Kurs zu halten, den die Sklavenhalter für sie vorgesehen hatten. Vor allem ging es den Sklavenhaltern darum, sie selbst zu ernähren und ihnen ein angenehmes Leben zu ermöglichen.
Die Wissenschaftler unter den Sklavenhaltern erhielten natürlich eine Nahrung, die nicht mit der Substanz kontaminiert war. Sie entwickelten die Substanzen. Die Sklaven selbst hatten von all dem nicht die geringste Ahnung.
Schließlich war die Forschung so weit vorangekommen, dass man den Sklaven die neue Substanz unter die Nahrung mischen konnte.
Während der Einführung kam es zu einem Informationsleck. Es ist nicht übermittelt, ob eine oder mehrere Personen aus dem Wissenschaftsbereich absichtlich oder unbeabsichtigt dafür verantwortlich waren.
So wurde die neue Substanz einigen Sklaven bekannt, die bereits schon sehr früh gegen die alte Substanz immun geworden waren und dadurch in der Lage waren, selbständig zu denken. Wäre ihr eigenes Denken aufgefallen, hätte das den sicheren Tod für sie bedeutet. Sie wären ohne Gnade aus dem Verkehr gezogen worden, mit der Begründung, sie hätten versucht, das solidarische Arbeitskollektiv mit krankhaften Gedankenblitzen zu vergiften. Eigene Gedanken galten als Erkrankung und schädlich, niemand unter den Sklaven wäre auf die Idee gekommen, das zu hinterfragen.
So spielten sie also die „Ahnungslosen“, erkannten sich jedoch gegenseitig an ihrem Blick, der wacher war, als bei den Sklaven, bei denen die Substanz wirkte. In Ihren Augen leuchtete etwas Lebendiges auf, dass man so bei den „gewöhnlichen“ Sklaven nicht sehen konnte. Deren Blicke waren leblos, sie wirkten lethargisch, wie hypnotisiert, wie unter Drogen stehend (was sie ja auch waren), wie über einen langen Zeitraum traumatisiert. Das kam alles von der Substanz.
Die Immunen trafen sich heimlich und schmiedeten einen Plan. Mit dem Selbstdenken wurde mit der Zeit auch wieder die Neugierde geweckt. Sie wollten das Grenzgebiet erkunden, um mit eigenen Augen zu sehen, warum man dort nicht hingehen sollte. Sorgfältige Vorbereitungen unter strengster Geheimhaltung waren zu treffen, denn ein Entdecken hätte ihren sicheren Tod bedeutet. Das wussten sie. Schließlich waren sie soweit und machten sich auf den Weg.
Sicher erreichten sie das Grenzgebiet. Nachdem sie einen breiten Streifen der trostlosen Öde durchquert hatten, veränderte sich die Umgebung. Sie fanden heraus, dass hinter der Grenze die Sklavenhalter lebten, in einem unvorstellbaren Luxus, den die Sklaven für sie erarbeiteten.
Sie sahen die großen Startbahnen, von denen die Fluggeräte starteten, um chemische Stoffe in die Atmosphäre zu bringen, die im Sklavengebiet ein künstlich geschaffenes Klima herstellte, das darauf ausgerichtet war, die Arbeit der Sklaven bestmöglich ausnutzen zu können.
Sie sahen auch große Anlagen, die die Atmosphäre ionisieren konnte, was die von den Fluggeräten ausgebrachten chemischen Stoffe noch in ihrer Wirkung verstärkte, wenn eine für die Sklavenhalter ungünstige Stimmung unter den Sklaven aufkam.
Es wurden Naturkatastrophen erzeugt, die die Sklaven in Angst und Schrecken versetzen konnten. Das nutzten dann wiederum die Sklavenhalter aus, um sich als Retter ausgeben zu können. Dann herrschte wieder für eine Zeit lang Ruhe, die gewohnte Ordnung war wiederhergestellt. Die Einteilung in Sklaven und Sklavenhalter wurde niemals in Frage gestellt. Man nahm es anteilslos hin. Man wäre gar nicht auf die Idee gekommen. Schließlich ging das schon Jahrtausende so.
Als die Immunen aus dem Grenzgebiet zurückgekehrt waren, verteilten sie unter Lebensgefahr heimlich Flugblätter, in denen sie beschrieben, was sie gesehen hatten. Viele Sklaven warfen die Blätter ins Feuer. Sie waren der Meinung, da habe sich jemand einen schlimmen Scherz erlaubt. Sie waren davon überzeugt, dass niemand in das Grenzgebiet vordringen kann, geschweige denn, die Grenzen zu überschreiten und hielten das Beschriebene für Phantastereien an der mit der Denkkrankheit infizierter Sklaven. Außerdem konnten sie keinen Grund entdecken, warum man das tun sollte. Andere Sklaven hatten sich so sehr an ihr Leben gewöhnt, dass sie sich gar nichts anderes mehr vorstellen konnten. Sie hatten das Gefühl für Freiheit schon sehr lange verloren. Dass man sie ausbeutete, wäre ihnen nicht einmal im Traum eingefallen. Eine Änderung ihrer Lebensweise hätte ihr aus Sicht der Immunen eigentlich erbärmliches Leben vollkommen durcheinandergebracht. Das wollten sie nicht. Sie hatten sich arrangiert und alles sollte so bleiben, wie es ist.
Es gelang jedoch den Immunen einige mutigere Sklaven davon zu überzeugen, dass es vielleicht besser sei, sich ein eigenes Bild zu machen und sich mit ihnen das Grenzgebiet anzuschauen, damit sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen konnten, dass das, was in den Flugblättern stand, wirklich wahr war.
Zurückgekehrt erzählten die Sklaven ihren nächsten Angehörigen, was sie gesehen hatten.
Bei jeder Erkundigung des Sklavenhaltergebietes kamen neue Ungeheuerlichkeiten ans Tageslicht. So fanden sie heraus, dass trotzdem im Sklavengebiet mehr neue Sklaven geboren wurden, als alte Sklaven starben, die Bevölkerungszahl sich nicht erhöhte, sondern tendenziell eher weniger wurde. Die Immunen entdeckten daraufhin ein Labor, das sich „Institut zur Fürsorge für die kontrollierte Gesundheit von Sklaven“ nannte, in Wirklichkeit aber dafür zuständig war, zu viel gewordene Sklaven unauffällig aus dem Verkehr zu ziehen.
Die Sklaven wurden mit der Zeit dann doch zunehmend unruhiger und die Sklavenhalter erhöhten die Dosis der neuen Substanz, um die Sklaven weiterhin ausreichend zu sedieren.
Je mehr jedoch die Sklaven anfingen selbst zu denken, desto wirkungsloser wurde die ständig erhöhte Dosis der Substanz. Selbstdenken war sozusagen das Gegengift zur Substanz. Immer mehr Sklaven wachten aus der Massensedierung auf.
Das beunruhigte die Sklavenhalter immer mehr. Sie riefen die Wissenschaftler auf den Plan. Die entwickelten jetzt eine neue Substanz, bestehend aus einer Art pflanzlichen Graphen, dass sich selbstständig zu winzigen Bahnen zusammenfügte und eine sich selbst organisierende Nano-Technologie auf pflanzlicher Basis, winzige Micro-Chips, die von den Sklavenhaltern zur Steuerung der Sklaven aktiviert werden konnte, unter das Trinkwasser. Es gab keine einzige Möglichkeit nicht kontaminiertes Trinkwasser zu beschaffen, weil alle Leitungen aus dem Gebiet der Sklavenhalter kamen, wo es auch schon gleich kontaminiert wurde.
Es brauchte eine Zeit, bis das Graphen zu hauchdünnen Leiterbahnen gewachsen war und sich mit den pflanzlichen Micro-Chips zu funktionierenden Mini-Computern zusammengefügt hatte. Als die Leiterbahnen dann zum Schluss mit den Mini-Computern zu einem Netzwerk, in den Leibern der Sklaven und Immunen, die ja auch Sklaven waren, zusammengewachsen war, kam die Zeit, in der das System von den Sklavenhaltern aktiviert werden konnte. Schließlich wurden die Maschinen eingeschaltet, die die Atmosphäre ionisierte und das aktivierte die pflanzliche Nano-Technologie in den Sklaven und Immunen.
Aus den Sklaven wurden jetzt Kampfmaschinen, die sich gegenseitig abschlachteten. Über Dystopia ergoss sich ein Meer von grünem Blut. Die Sklavenhalter ließen das so lange zu, bis die Sklaven so weit reduziert waren, dass sie keine Gefahr mehr für die Herrschaft der Sklavenhalter darstellten.
Der stark reduzierte Rest der Sklaven vermehrte sich wieder mit der Zeit. Die Sklaven-Sprossen jedoch, wurden den Sklaven jetzt weggenommen und in einem eigens dafür geschaffenen, gut gesicherten Gebiet außerhalb des allgemeinen Sklavenlandes gehalten und großgezogen. Dieser neuen Generation von Sklaven wurde wieder die ursprüngliche Substanz zur Sedierung unter die Nahrung gemischt, so dass der Kreislauf der Ausbeutung der Sklaven durch die Sklavenhalter von vorne beginnen konnte.
Das führte über Jahrhunderte dazu, dass die Sklaven immer unbrauchbarer wurden, weil sie zusehends degenerierten. Schließlich gab es keine Sklaven mehr und die Sklavenhalter mussten selbst für sich sorgen. Da sie das bisher nie nötig hatten, funktionierte das nicht. Sie hatten keine Praxiserfahrung. Sie waren seit Äonen dafür zuständig gewesen, sich Methoden für die optimale Ausbeutung der Arbeitskraft der Sklaven auszudenken und diese laufend zu optimieren. Viele Sklavenhalter weigerten sich, aus deren Sicht niedere Arbeiten zu verrichten. Es brach eine große Hungersnot aus. Die Anlagen und Maschinen, die lange für den Luxus der Sklavenhalter gesorgt hatten, verwahrlosten. Schließlich bekämpften sich die Sklavenhalter gegenseitig. Am Ende löschte die Dekadenz die Sklavenhalter genau so aus, wie ihre Überheblichkeit zuvor die Sklaven ausgelöscht hatte.
Den Planeten Dystopia gibt es noch, aber er ist schon lange nicht mehr von Dystopiern bewohnt. Ohne Sinn, verloren im Weltall, dümpelt er vor sich hin und wartet darauf, dass vielleicht andere kommen, die besser wissen, wie man eine Gesellschaft gerecht aufbaut, und die wissen, dass Freiheit das höchste Gut ist, das unter allen Umständen gelebt und bewahrt werden muss, weil alles andere unweigerlich nur zum Untergang führen kann. Sowohl für die Unterdrückten, als auch für die Unterdrücker.
(pareto und Friedenstaube auch auf telegram unter https://t.me/pareto_artikel und https://t.me/friedenstaube_artikel )
* (Wem meine Artikel gefallen: Einen Satoshi in Ehren kann niemand verwehren. Danke!)*
(Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.)
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