Judentum – Weltreligion und/oder Weltanschauung?

Derzeit kommt man nicht umhin, sich mit Israel zu beschäftigen
Judentum – Weltreligion und/oder Weltanschauung?

Dabei tauchen mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Eine abschließende Beurteilung bleibt offen. Wenn es aber wenigstens schon heikel, wenn nicht gar gefährlich, unerwünscht oder sogar verboten ist, überhaupt nur erst einmal Fragen zu stellen, ist das dann schon ein Anzeichen dafür, dass sich hier möglicherweise etwas in einer Schieflage befindet?

Anlass für diesen Text hier ist der rege Austausch mit einer von mir sehr geschätzten Freundin, der zeigt, dass ein respektvoller Austausch in einem offenen Dialog möglich ist, auch, wenn man von zwei vollkommen unterschiedlichen Ausgangspunkten ausgeht, was nicht bedeutet, dass es nicht auch in manchen Punkten Übereinstimmungen gibt, Schnittmengen, könnte man auch sagen.

Jüngster Anlass, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, ist die aktuelle Auffälligkeit des Benutzens bestimmter „markanter“ Begriffe in Deutschland, die Umdeutung oder gar der Missbrauch von Begriffen, das orwellsche Neusprech, bei ständiger Wiederholung, verbreitet durch Rundfunk, Fernsehen und Systempresse, wie es Victor Klemperer (1881-1960) unter anderem in „LTI – Lingua Tertii Imperii“ so treffend beschreibt. Victor Klemperer gehörte zu den wenigen deutschen Juden, die während des Hitler-Regimes, die gesamten Zeit im Deutschen Reich ausharrte.

Da taucht schon gleich eine erste Frage auf: Was ist ein deutscher Jude? Ein staatsrechtlich Deutscher mit jüdischem Glauben, oder mit jüdischer Weltanschauung, oder ein Mensch, der sowohl Deutscher im rechtstaatlichen Sinne ist, in einem Land, mit definitiven Kennzeichen eines Staates, und gleichzeitig auch Jude, aber ohne einen Staat, ein Land? Ist Deutsch eine Staatsangehörigkeit und Jüdisch auch? Oder sogar vielleicht beides nicht? Oder nur das eine und nicht das andere?

Jude ist man automatisch, wenn man von einer jüdischen Frau geboren wurde. Christ ist man nicht automatisch, wenn man von einer getauften Mutter geboren wurde. Das ist schon besonders.

Wer sich die noch erhältliche Literatur nicht beschaffen möchte, der findet hier einen Überblick „Die Sprache lügt nicht – Die Tagebücher von Victor Klemperer“:

https://www.youtube.com/watch?v=dd9Rnu3snEk&list=PLfdMKJMGPPtwGZlznIrVcaNs_MBondthx

Eine weitere, offen bleibende Frage, die auftaucht, ist die, ob nun das Judentum eine Weltreligion oder eine Weltanschauung, oder beides ist?

In unseren Gesprächen argumentiert die eine Seite auf der Basis der Weltreligion, mit der Bibel, dem Alten Testament, als Grundlage, und die andere Seite eher auf der Basis einer Weltanschauung und den politischen Verhältnissen um den Staat Israel.

Wenn eine Religionsgemeinschaft Gebietsansprüche aus dem Alten Testament ableitet, die Bibel sozusagen als Grundbuch auslegt, dann fühlt sich das zumindest erst einmal schräg an.

Wenn sich eine Religionsgemeinschaft selbst als „Das auserkorene Volk“ bezeichnet, dann klingt das wie eine Erhebung über anders Gläubige, über andere Menschen allgemein, was sich ebenfalls schräg anhört. Das alle nicht-jüdischen Menschen Gojims sind, auch. Das kommt auf die Auslegung an und wer das auslegt.

Wenn man dann bedenkt, dass sich das 3. Reich in seinem Rassenwahn über diese Religionsgemeinschaft erhoben hat, dann wird es noch schräger, wenn genau diese Menschen sich über andere erheben. Es kann ja wohl keinen Wettstreit darüber geben, wer nun wirklich das über alle anderen „Erhabene Volk“ ist. Um es mit Daniele Ganser zu sagen: Wir alle gehören zur Menschheitsfamilie. Die Angehörigen des jüdischen Glaubens, genau so wie die des christlichen, und die des muslimischen auch. Und sogar die Gojims, man stelle sich vor!

Da taucht schon gleich die nächste Frage auf: Was ist eigentlich ein Volk, was macht ein Volk aus, sind die Juden nun ein Volk oder eine Religionsgemeinschaft, und wenn sie von sich behaupten, sie seien beides, wie geht das? Oder sind sie etwas, für das es noch gar keine klare Definition gibt?

Ich stelle mir gerade vor, aber vielleicht ist das naiv, kann ja sein, Jesus, der selbst Jude gewesen ist, hätte gesagt, ab sofort mache ich Gebietsansprüche auf Bethlehem oder Jerusalem und überhaupt überall, wo ich gewesen bin, geltend, und alle, die mir folgen, sind jetzt das christliche Volk. Schräg, oder?

Zu einem Volk gehört in der Regel ein Staatsgebilde. Warum hat es für das jüdische Volk bis zur Gründung Israels nie einen eigenen Staat mit festgelegten Grenzen gegeben? Ist deswegen das jüdische Volk aus Sicht eines Staates gar kein Volk, sondern eben doch nur eine Religionsgemeinschaft? Ist es ein Volk seit der Staatsgründung Israels? Was war es vorher? Ein Volk ohne Staat? Wenn ja, warum? Gibt es Gründe dafür?

Man ist nicht in dem Sinne Jude, wie man Franzose ist. Auch, weil bis zur Gründung Israels das Staatsgebilde fehlte?

Wieder ein Vergleich zum Christentum: Das verbreitete sich unter Menschen, die jedoch zu verschiedenen Völkern bzw. Staatsangehörigkeiten gehörten. Den Menschen mit jüdischem Glauben wurde im Laufe der Geschichte immer wieder die Möglichkeit gegeben, sich in einen Staat mit ihrer Religion einzugliedern. Warum ist es hier immer wieder zu Schwierigkeiten gekommen? Waren die Menschen jüdischen Glaubens, in der Regel immer eine Minderheit in überwiegend christlich oder islamisch geprägten Regionen, intellektuell oder aufgrund ihrer Fähigkeiten den übrigen Menschen wirklich überlegen, was vielleicht Neid erzeugte, oder haben die Menschen jüdischen Glaubens vielleicht sogar irgendetwas selbst dazu beigetragen, was man für Unfrieden aus ihnen selbst heraus als Ursache für „Repressalien“ ansehen könnte? Ich sage nicht, dass das so ist, ich stelle lediglich eine weitere Frage, die man aus unerfindlichen Gründen eigentlich nicht stellen sollte. Das hat auch nicht das Allergeringste mit „Judenfeindlichkeit“ oder „Antisemitismus“ zu tun, sondern es ist doch eine ganz normale Sache, wenn man nach möglichen Gründen fragt. Warum ist es so schwer, dies im Falle der jüdischen Menschen zu tun und besser nicht zu fragen? Als Begründung in Deutschland die Geschehnisse im 3. Reich anzuführen, ist schon wieder schräg, denn das jüdische Leben bezieht sich nicht nur auf diesen Zeitraum, sondern auf eine mindestens 2000 Jahre lange Geschichte.

Mit der Verfolgung der Juden im 3. Reich, die niemand bestreitet, ergab sich die „Gelegenheit“ oder besser noch die „Notwendigkeit“, endlich einen Staat zu gründen, in dem die jüdische Religionsgemeinschaft auch ein Volk innerhalb eines Staatsgebildes werden konnte.

Bereits vor dem 3. Reich gab es schon Bestrebungen, einen jüdischen Staat errichten zu wollen. Neben den jüdischen Bestrebungen spielte auch Großbritannien hier eine wichtige Rolle. Dieses Land, das bereits über eine lange Tradition eines Staatsgebildes verfügte, setzte sich sicher nicht aus reiner Nächstenliebe dafür ein, dass nun die jüdische Religionsgemeinschaft endlich auch einen Staat bekäme, sondern hier spielten wohl eher und vor allem politische und strategische Gründe eine Rolle. Man wollte ein westlich geprägtes Konstrukt wie einen Stachel im Fleisch der umliegenden überwiegend islamisch geprägten Staaten einrichten. Obendrein noch auf einem Boden, auf dem bislang verschiedene Religionen gleichermaßen gelebt hatten. Um aber etwas rein „jüdisches“ errichten zu können, mussten die übrigen Religionsanhänger und Ethnien so weit zurückgedrängt werden, dass die jüdische Religionsgemeinschaft die Oberhand hatte und das Sagen haben konnte. Grundlage hierfür war vor allem die Ableitung eines Gebietsanspruchs aus der Bibel heraus, was einmalig in der Geschichte der Menschheit ist, und vielleicht deshalb so viele verstörende Fragen aufwirft.

Wenn das alles so rechtens ist, bitteschön, aber dann wären vielleicht stichhaltigere Gründe aufzuführen, als die alleinige Ableitung aus der Bibel? Oder reicht das am Ende? Wie gesagt, hier wird gefragt!

Dass die verdrängten anderen Menschen vielleicht nicht ganz damit einverstanden waren, dass da jemand ankommt und „einfach mal so“ einen Staat gründet, ist unter Umständen auch nachvollziehbar, und vielleicht auch der Grund, warum Israel seit seiner Gründung nie wirklich zur Ruhe gekommen ist. Hat der Staat ein „schlechtes Karma“, weil es in seiner Gründungsgeschichte bereits Punkte gibt, die man unter Umständen als Unrecht ansehen könnte? Ist Israel vielleicht nicht auf „solidem“ Boden gegründet worden? Auch das ist nur eine Frage.

Zur zionistischen Bewegung, die mittlerweile überwiegend aus Nicht-Juden besteht, innerhalb des Staates Israel jedoch die Regierung in größtem Umfang, gehört die Vorstellung von der Vollendung eines Groß-Israel, die viele Gebiete, die nun mal derzeit zu anderen Staaten gehören, mit einschließen. Auch dieser Anspruch wird aus der Bibel abgeleitet und auch aus einer jüdischen Notwendigkeit, dass ein dritter salomonischer Tempel zu errichten sei, damit der Messias kommen kann.

Kein Problem, wenn andere Menschen glauben, dass er noch nicht da war, sonst wären es ja Christen, aber ob das mit Gebietsansprüchen und kriegerischen Auseinandersetzungen verbunden sein muss, ist irgendwie schon wieder schräg.

Der Staat Israel hat bis heute keine festgelegten Grenzen, was eigentlich zu einem anerkannten Staat gehören würde. Auch hier nimmt Israel eine Sonderstellung ein. Warum so viele Besonderheiten? Warum wird das nicht sorgfältiger hinterfragt?

Deutschland hat Israel maßgeblich dabei geholfen, sich atomar zu bewaffnen und liefert bis heute Gelder und Waffen nach Israel. Warum überhebt sich der Westen über andere, warum nimmt er sich das Recht heraus, zu bestimmen, wer Atomwaffen haben darf, und wer nicht, wie man aktuell im Falle des Iran sieht? Der Westen behauptet, dass solche Waffen nur in verantwortungsvollen Händen sein dürfen. Wie verantwortungsvoll ist der Westen und wer legt das fest? Wohl der Westen selbst, oder?

Die Menschen jüdischen Glaubens haben unbestritten Schlimmes im 3. Reich erlebt. Warum haben sie nicht aus ihrer eigenen Geschichte gelernt und wüten jetzt in Gaza und im Libanon so, dass viele von einem Genozid sprechen? Man leistet „gründliche Arbeit“, in dem alles so platt gemacht wird, man schafft eine Wüstenlandschaft, dass eine mögliche Rückkehr unmöglich ist, außer, man baut alles komplett neu auf, aber womit? Man kann schon den Eindruck bekommen, dass vieles, was von Israel ausgeht, genau das ist, was die Vorfahren der Menschen jüdischen Glaubens selbst erlebt haben. Und auch im 3. Reich gab es den Spruch: Deutschland braucht mehr Raum. Es ist wirklich schwer, hier keine Vergleiche ziehen zu wollen.

Warum schreibt sich Israel nicht auf die Fahne, dass es dafür sorgen will, dass niemand mehr mit anderen Religionen oder Ethnien so umgeht, wie mit den Menschen jüdischen Glaubens umgegangen wurde. Man hat aus der leidvollen Geschichte gelernt, und so etwas darf nie wieder passieren. Wäre das nicht eine logische, zivilisierte Schlussfolgerung aus dem Erlebten? Ist das eine Art späte Rache nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“?

Aus dieser Haltung heraus müsste der Staat Israel sogar die für Christen heiligen Stätten ganz besonders schützen, weil aus eigener Erfahrung erkannt wurde, wie wichtig es ist, eine Minderheit vor Übergriffen und Schlimmerem zu bewahren. Gleiches gilt auch für die Menschen, die dem islamischen Glauben angehören. Nicht alle Menschen muslimischen Glaubens sind Messerfachkräfte, wie sie leider zu häufig in Deutschland und auch anderswo ihr Unwesen treiben. Israel hätte die einmalige Gelegenheit zu beweisen, dass es möglich ist, dass drei Weltreligionen auf engstem Raum friedlich miteinander auskommen. Hier scheint die salomonische Weisheit schon lange auf Urlaub zu sein. Was den Gaza-Streifen betrifft übrigens auch.

In europäischen Staaten hat die Säkularisierung schon seine Gründe gehabt. In Israel ist die Bestrebung eher genau umgekehrt. Glaube und Volk sollen zu einer Einheit verschmolzen werden, was sich wiederum sehr schräg anfühlt.

Derzeit bemüht man sich innerhalb eines Waffenstillstands um eine endgültige Befriedung, die von Israel immer wieder sabotiert wird. Der Iran reagiert auf die Angriffe Israels, wie er, seitdem die USA zusammen mit Israel völkerrechtswidrig die iranische Regierung „einfach mal so“ weggepustet haben, bisher immer defensiv reagiert hat. Trump pfeift Netanjahu derzeit zurück, wohl auch, weil er erkannt hat, dass er sich mit seiner US-amerikanischen Western-Mentalität im Iran die Zähne ausbeißt und nun nach einem gesichtswahrenden Rückzug Ausschau hält.

Auch, wenn die christliche Geschichte alles andere, als auf Rosenblättern daherkommt, man denke nur an die Kreuzzüge und die Inquisition, derzeit ist die christliche Religion wohl die friedlichste. Das kann man leider von dem Teil der Juden derzeit nicht behaupten, die dem Zionismus angehören und sich als die treibenden Kräfte, vor allem in der israelischen Regierung herausstellen.

Wie viele Kriege hat Israel schon zu seiner Verteidigung (seines möglicherweise nicht ganz koscheren „Staatsgebietes“) führen müssen, wie oft hat der Iran, ein islamisch geprägtes Land, schon andere Länder angegriffen, und wenn es nur darum ging, sein Territorium zu erweitern?

Man kann schon viele Ursachen von Konflikten in den Strömungen der Weltreligionen sehen. Glauben ist eben naturwissenschaftlich nicht beweisbar, es bleibt eine geistige Angelegenheit. Deshalb ist es vielleicht auch so schwierig, hier handfeste Argumente vorzulegen.

Am Ende bleibt, ob man nicht auch für sich selbst die Frage stellen sollte, ob die Waagschalen ausgewogen sind. Bringen die Weltreligionen mehr Nutzen oder mehr Schaden?

Noch kurz zur Deutschland: Vielleicht sollte Deutschland im eigenen Lande Verhältnisse schaffen, in denen Andersgläubige, in dem Falle Juden, frei und ungezwungen leben könnten, erst recht, nach den Ereignissen der vorläufig dunkelsten Geschichte Deutschlands, statt Israel zu Staatsräson zu erklären und es mit Geld und Waffen vollzupumpen?

Und vielleicht sollte Deutschland diejenigen achtkantig aus dem Land werfen, die Tür abschließen und den Schlüssel wegwerfen, die aufgrund ihres Glaubens meinen, Parallelgesellschaften bilden zu können, sich nicht an Recht und Gesetz halten zu müssen, damit diejenigen, gleich welcher Religion sie angehören, namentlich Juden und Muslime, die sich in das immer noch überwiegend christlich geprägte Deutschland einfügen wollen und schon lange eingefügt haben, hier sicher fühlen können, inklusive der Christen, die ohnehin schon da sind. Vielleicht wäre es gut, wenn Deutschland deutsche Staatsräson wäre und nicht Israel, damit Menschen, und wenn sie an den Kuckuck glauben, hier sicher leben können. Dafür zu sorgen wäre elementare Aufgabe eines Staates. Kriegstüchtig zu werden nicht, und Deutschland schon gar nicht.

 

(pareto und Friedenstaube auch auf telegram unter https://t.me/pareto_artikel und https://t.me/friedenstaube_artikel )

 

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(Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.)

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(Bild von pixabay)


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