Clara Zetkin: Die Risse in der Ikone

„Frauentag-Ikone oder Verteidigerin der Diktatur? Was Clara Zetkins eigene Texte über das Heldenbild verraten.“
Clara Zetkin: Die Risse in der Ikone

Jedes Jahr am 8. März taucht ihr Name auf und aktuell hört man diesen Namen öfter. Clara Zetkin gilt als Mutter des Internationalen Frauentags, als Kämpferin gegen Krieg und Faschismus. In der DDR war sie Staatsheilige, bis heute tragen Straßen, Schulen und Parks ihren Namen. Doch wer ihre eigenen Texte liest, findet ein anderes Bild: eine Gegnerin der parlamentarischen Demokratie, eine Verteidigerin bolschewistischer Klassenjustiz und eine Frau, die zu Stalins Verbrechen öffentlich schwieg.

Die letzte Reichstagsrede: Räte statt Parlament

Am 30. August 1932 eröffnete die 75-jährige Zetkin als Alterspräsidentin den Reichstag, in dem die NSDAP gerade stärkste Fraktion geworden war.1 Die Rede wird heute gern als antifaschistischer Mahnruf zitiert. Sie war mehr als das.

Zetkin warnte die Arbeiter ausdrücklich vor „Illusionen über die befreiende Demokratie“. Der Kampf dürfe sich nicht auf den Sturz der Regierung beschränken, sondern müsse auf den „Sturz des bürgerlichen Staates“ zielen. Der einzige Ausweg sei „die proletarische Revolution“.2

Ihr Schlusssatz ist bezeichnend. Sie hoffe, noch „als Alterspräsidentin den ersten Rätekongreß Sowjetdeutschlands zu eröffnen“.2 Gemeint war kein besserer Reichstag, sondern seine Abschaffung zugunsten eines Rätesystems nach sowjetischem Vorbild.

Moskau 1922: Anklägerin in einem Schauprozess

Im Sommer 1922 standen in Moskau führende Sozialrevolutionäre vor dem Obersten Revolutionstribunal, früheren Verbündeten und dann Gegnern der Bolschewiki. Die Forschung wertet das Verfahren heute als ersten sowjetischen Schauprozess.3

Zetkin saß dort am Tisch der Anklage. Am 29. Juli 1922 hielt sie im Auftrag der Kommunistischen Internationale eine Anklagerede.4 Ein prosowjetischer Augenzeuge beschreibt, wie sie neben den Staatsanklägern Platz nahm.5

Das Tribunal verhängte Todesurteile. Die Sowjetregierung setzte sie aus, behielt die Verurteilten aber als Geiseln. Zetkin bestritt später, selbst die Todesstrafe gefordert zu haben. Doch in ihrer Antwort an die niederländische Sozialdemokratin Mathilde Wibaut erklärte sie sich mit beidem solidarisch, mit den Urteilen und mit der Geiselhaft.4

Ihre Begründung lässt wenig Raum für Deutung. Ein politischer Prozess sei keine moralische und keine juristische Angelegenheit. „Im Kriege gilt Kriegsrecht!“, schrieb sie, und: „Gewalt wider Gewalt!“4

Eine Historikerkommission der Stadt Tübingen nannte diese Argumentation 2023 im Kern totalitär.6 Sie habe den späteren Übergang zur stalinistischen Verfolgung vorweggenommen.

Schon 1918: Kein Raum für Kritik an Lenin

Zetkins Haltung entstand nicht erst in Moskau. Im September 1918 erhob sie „schärfsten Widerspruch“ gegen Genossen in der eigenen Partei, die die Bolschewiki kritisierten.7

Rosa Luxemburgs Kritik entschärft

Rosa Luxemburg hatte 1918 im Gefängnis eine kritische Schrift über die Russische Revolution verfasst. Darin stammt der berühmte Gedanke, Freiheit sei immer die Freiheit der Andersdenkenden. Als Paul Levi den Text 1922 veröffentlichte, gingen Zetkin und Adolf Warski öffentlich dagegen vor.8

Sie behaupteten, Luxemburg habe ihre Ansichten zur Konstituante, zur Demokratie, zum Rätesystem und zum Terror grundlegend geändert.8 Damit war die unbequemste Kritik aus dem eigenen Lager entwertet. Die Textfassung, auf die sich beide Seiten im Streit stützten, war zudem unvollständig.9

Georgien 1924: Ein Bericht als Entlastung

Im August 1924 erhoben sich Georgier gegen die Sowjetherrschaft. Auf den kurzen Aufstand folgte ein Blutbad. Die Komintern schickte Zetkin in den Kaukasus, und 1926 erschien ihr Buch „Im befreiten Kaukasus“.10

Darin stellte sie den Aufstand als unbedeutend dar und folgte damit der Linie des Regimes.10 Der Publizist Eric Lee sieht in ihr deshalb eine tragische Figur, die als anständige Revolutionärin begann und als Dienerin einer Diktatur endete.10

Widerspruch nur hinter verschlossenen Türen

Zetkin kritisierte Stalins Kurs ab 1928 durchaus, aber fast ausschließlich intern. Selbst ein ihr wohlgesonnener Biograf räumt ein: Als Stalin 1931 das Andenken Rosa Luxemburgs angriff, protestierte Zetkin nur in privaten Briefen.11

Sie lebte in der Sowjetunion, als die Zwangskollektivierung 1932/33 eine Hungersnot auslöste, der allein in der Ukraine Millionen Menschen zum Opfer fielen.12 Eine öffentliche Stellungnahme von ihr dazu ist nicht bekannt.

Nach ihrem Tod im Juni 1933 wurde ihre Urne an der Kremlmauer beigesetzt. Stalin selbst gehörte zu den Trägern.13

Eine Ikone aus der Staatswerkstatt

Der Kult um Zetkin war zu großen Teilen ein Produkt der SED. Die DDR stiftete 1954 die Clara-Zetkin-Medaille und druckte ihr Porträt auf den 10-Mark-Schein.14 Die Biografin Tânia Puschnerat beschreibt, wie Zetkin dabei zur treuen Freundin der Sowjetunion stilisiert wurde.15 Ihre Konflikte mit der Parteiführung passten nicht ins Bild und verschwanden.

Was ihre Verteidiger einwenden

Zur Fairness gehört die andere Seite. Zetkin kämpfte jahrzehntelang für Frauenwahlrecht und Arbeiterinnenrechte und gab die Zeitschrift „Die Gleichheit“ heraus.16 Sie stellte sich gegen den Ersten Weltkrieg. Ihre Analyse des Faschismus von 1923 gilt als früh und hellsichtig.17 Intern widersprach sie Thälmann und der Moskauer Linie und wurde dafür kaltgestellt.18

Der Gemeinderat in Tübingen entschied sich 2023 nach langer Debatte dagegen, die Clara-Zetkin-Straße als belastet zu kennzeichnen.19

Fazit

Als Vorkämpferin der Frauenrechte hat Zetkin einen Platz in der Geschichte. Als Ikone der Demokratie taugt sie nicht. Sie verachtete das Parlament, in dem sie saß, rechtfertigte Geiselhaft und Todesurteile gegen politische Gegner und schwieg öffentlich, als die Diktatur, der sie diente, Millionen Menschen das Leben kostete.

Und deshalb, ganz freundlich gemeint: Wer sich Clara Zetkin heute noch als Ikone ansieht, sollte dringend mal nachsehen, ob im Schrank noch alle Tassen stehen. Man kann den Frauentag feiern, ohne einer Frau zu huldigen, die Geiselhaft als „Notwehr“ verteidigte und von einem Sowjetdeutschland träumte. Freiheit und Frauenrechte verdienen bessere Schutzheilige. Es gibt sie, man muss sie nur suchen, statt ungeprüft die Heldinnen einer untergegangenen Diktatur zu übernehmen.


Quellen

Die Recherche der Quellen ist mithilfe von KI entstanden.


  1. Deutsches Rundfunkarchiv: Rede der Alterspräsidentin Clara Zetkin. https://www.dra.de/de/entdecken/der-klang-der-weimarer-zeit/rede-der-alterspraesidentin-clara-zetkin ↩

  2. Clara Zetkin: Rede als Alterspräsidentin, 30. August 1932 (nach: Verhandlungen des Reichstags, Bd. 454). Marxists’ Internet Archive. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/zetkin/1932/08/alterspraes.html ↩ ↩

  3. Marc Jansen: A Show Trial Under Lenin. The Trial of the Socialist Revolutionaries, Moscow 1922. Springer, 1982. https://link.springer.com/book/10.1007/978-94-009-7606-1 ↩

  4. Ulla Plener: Clara Zetkins Antwort an Mathilde Wibaut (1922). Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2007. https://library.fes.de/jbzg/2007/ulla_plener_3_2.pdf ↩ ↩ ↩

  5. Kurt Kersten: Der Moskauer Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre 1922. Berlin 1925. Project Gutenberg. https://www.gutenberg.org/files/69795/69795-h/69795-h.htm ↩

  6. Stadt Tübingen: Abschlussbericht der Kommission zur Überprüfung der Tübinger Straßennamen. https://www.tuebingen.de/Dateien/abschlussbericht_kommission_strassennamen.pdf ↩

  7. Clara Zetkin: An die Konferenz über die Stellungnahme unserer Presse zu den Bolschewiki, September 1918. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/zetkin/1918/09/stellung.html ↩

  8. Clara Zetkin, Adolf Warski: A propos d’une déplorable manœuvre. Bulletin communiste, 5. Januar 1922. https://www.marxists.org/francais/zetkin/works/1921/12/manoeuvre.htm ↩ ↩

  9. Wikipedia: The Russian Revolution (pamphlet). https://en.wikipedia.org/wiki/The_Russian_Revolution_(pamphlet) ↩

  10. Eric Lee: The tragedy of Clara Zetkin. https://www.ericlee.info/blog/?p=2788 ↩ ↩ ↩

  11. John Riddell: Clara Zetkin. Years of stubborn resistance, 1928–33. https://johnriddell.com/2019/04/20/clara-zetkin-years-of-stubborn-resistance-1928-33/ ↩

  12. Otto Wenzel: Holodomor. Stalins Genozid in der Ukraine 1932–1933. Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat. https://zeitschrift-fsed.fu-berlin.de/index.php/zfsed/article/download/348/332 ↩

  13. Wikipedia: Clara Zetkin. https://en.wikipedia.org/wiki/Clara_Zetkin ↩

  14. Wikipedia: Clara-Zetkin-Medaille. https://de.wikipedia.org/wiki/Clara-Zetkin-Medaille ↩

  15. Perlentaucher zu Tânia Puschnerat: Clara Zetkin. Bürgerlichkeit und Marxismus (2003). https://www.perlentaucher.de/buch/tania-puschnerat/clara-zetkin.html ↩

  16. Haus auf der Alb (LpB Baden-Württemberg): Clara Zetkin. https://www.hausaufderalb.de/clara-zetkin ↩

  17. Clara Zetkin: Der Kampf gegen den Faschismus, Juni 1923. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/zetkin/1923/06/faschism.htm ↩

  18. nd: Clara Zetkin: „Deshalb bitte ich um strengste Vertraulichkeit“. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1185417.kommunisten-clara-zetkin-deshalb-bitte-ich-um-strengste-vertraulichkeit.html ↩

  19. nd: Tübingen. Probleme mit Clara Zetkin. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1177260.tuebingen-probleme-mit-clara-zetkin.html ↩


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