Elias, der ewige Syrer
Elias der Syrer
Elias kam nach Deutschland, weil er frei sein wollte. Nicht im großen politischen Sinn. Er wollte keine Reden über Demokratie hören und auch keine Broschüren über Menschenrechte lesen. Er wollte etwas viel Einfacheres: Er wollte als Elias wahrgenommen werden. In Syrien war er immer Elias der Christ gewesen. Egal, was er sagte, arbeitete oder dachte, am Ende wurde er danach beurteilt, woran er glaubte. Sein Glaube kam jedem Gespräch zuvor, jeder Bewerbung, jeder Begegnung auf der Straße, und meistens entschied er darüber, wie man ihm begegnete, bevor er ein Wort gesagt hatte. Er wollte selbst entscheiden, was er dachte, was er arbeitete und mit wem er seine Zeit verbrachte. In Deutschland, so hatte er gehört, durfte man das.
Die ersten Monate waren deshalb beinahe überwältigend. Es gab Menschen, die ihm helfen wollten, und zwar ohne Gegenleistung. Eine Sozialbetreuerin kümmerte sich um seine Wohnung, ein anderer Mitarbeiter half ihm bei den Papieren, und wieder jemand anderes meldete ihn zu einem Deutschkurs an. Als er einen Termin beim Jobcenter hatte, ging ebenfalls jemand mit. Wenn er eine Bewerbung schreiben wollte, bekam er Unterstützung. Wenn er einen Brief nicht verstand, erklärte man ihn diesen. Wenn er einen Termin vergessen hatte, erinnerte man ihn daran. Elias empfand das zunächst als großes Glück. In seiner Heimat hatte er gelernt, dass man vorsichtig sein musste, wenn sich jemand zu sehr für das eigene Leben interessierte. Hier war es offenbar anders.
Bei seinem ersten Vorstellungsgespräch saß seine Sozialbetreuerin neben ihm. Der Arbeitgeber stellte Fragen, Elias antwortete, und manchmal ergänzte die Betreuerin seine Antworten, bevor Elias überhaupt fertig gesprochen hatte.
„Elias ist sehr motiviert“, sagte sie. „Er hat wirklich eine schwierige Geschichte hinter sich.“
Elias nickte. Er hatte keine wirklich schwierige Geschichte hinter sich und eigentlich wollte er lieber über die Arbeit sprechen.
Als das Gespräch vorbei war, verabschiedete sich die Betreuerin draußen noch von dem Arbeitgeber. Elias stand ein paar Meter entfernt und wartete. Dabei hörte er, wie sie zu einem der Gesprächspartner sagte: „Der Elias aus Syrien ist wirklich ein lieber Kerl.“
Es war nicht böse gemeint. Das wusste Elias. Trotzdem blieb ihm der Satz im Kopf.
Der Arbeitgeber stellte ihn schließlich ein. Sein Lohn wurde in der ersten Zeit bezuschusst, sodass der Betrieb weniger Kosten hatte. Man erklärte Elias, das sei eine gute Möglichkeit für beide Seiten. Der Betrieb bekomme eine günstige Arbeitskraft und Elias bekomme eine Chance. Es klang vernünftig. Er wollte dankbar sein und war es auch.
In der Berufsschule begann er seine Ausbildung. Sein Deutsch war zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich gut. Er machte natürlich Fehler, aber nicht mehr als andere Auszubildende auch. Trotzdem merkte er bald, dass seine Fehler anders behandelt wurden. Wenn Johannes einen Fachbegriff nicht kannte, sagte der Lehrer: „Das müssen Sie lernen.“ Wenn Elias denselben Begriff nicht kannte, sagte er: „Das ist für dich natürlich schwieriger. Deutsch ist schließlich nicht deine Muttersprache.“
Am Anfang fand Elias das sogar nett. Später begann es ihn zu stören. Er hatte viel Zeit damit verbracht, Deutsch zu lernen. Er wollte nicht, dass seine guten Leistungen dadurch erklärt wurden, dass er Ausländer war, und seine schlechten dadurch, dass er Ausländer war. Er wollte einfach gut oder schlecht sein wie jeder andere auch.
Die Ausbildung verlief trotzdem nicht besonders gut. Im ersten Betrieb kam es zu Problemen, und irgendwann musste Elias gehen. Beim zweiten Versuch scheiterte er ebenfalls. Die Prüfungen waren schwierig, und Elias hatte inzwischen gelernt, dass gute Absichten keine Prüfung ersetzten. Beim dritten Betrieb bekam er schließlich eine weitere Chance. Dort schaffte er die Ausbildung, wenn auch mit Ach und Krach.
Nach der Prüfung war er vor allem erleichtert. Erst später erfuhr er von einem Kollegen, dass es keineswegs selbstverständlich gewesen war, so viele Anläufe zu bekommen.
„Normalerweise ist das nicht so einfach in der Ausbildung den Betrieb so oft zu wechseln und die Prüfung zu wiederholen.“, sagte der Kollege.
Elias sah ihn fragend an.
„Du hattest schon ziemlich viele Chancen.“
Elias dachte kurz nach. Dann sagte er: „Ja.“
Er sagte nicht, dass er inzwischen ahnte, warum.
Einige Wochen nach seinem Abschluss saß er wieder bei seinem Sozialbetreuer. Der Mann hatte einen Ordner vor sich und machte einen zufriedenen Eindruck.
„Wir müssen jetzt überlegen, wie es weitergeht“, sagte er. „Du könntest deinen Meister machen.“
Elias war überrascht. Er hätte eigentlich erst einmal arbeiten wollen um seine Fähigkeiten zu verbessern.
„Meister?“
„Warum nicht? Du hast die Ausbildung geschafft. Das ist der nächste Schritt.“
Dann schob er ihm den Ordner hin. Die Formulare waren bereits ausgefüllt. Elias musste nur noch unterschreiben. Auch einen Betrieb, in dem er während der Meisterausbildung arbeiten konnte, hatte der Betreuer bereits gefunden. Seltsam.
Elias blätterte durch die Unterlagen. Er hatte selbst in den vergangenen Wochen versucht, einen Arbeitsplatz zu finden. Seine Bewerbungen waren nicht besonders erfolgreich gewesen. Bei manchen Unternehmen hatte man ihm abgesagt, bei anderen hatte man sich gar nicht erst gemeldet.
„Und das ist kostenlos?“, fragte er.
„Ja.“
Elias unterschrieb.
Er dachte, dass Deutschland vielleicht tatsächlich ein Land war, in dem sich Türen öffneten, wenn man nur lange genug anklopfte.
In seinem neuen Betrieb lernte er Johannes wieder kennen. Johannes hatte inzwischen andere Sorgen. Seine Freundin war schwanger, die Hochzeit war geplant und das Haus, das die beiden gebaut hatten, war zwar fertig, aber längst nicht abbezahlt.
Eines Tages erzählte Johannes, dass er ebenfalls gerne den Meister machen würde.
„Aber das geht gerade nicht“, sagte er. „Das Geld reicht nicht.“
Elias verstand das nicht. Er erzählte Johannes, dass eine Meisterausbildung dich kostenlos sei.
„Du musst nichts bezahlen?“, fragte Johannes.
„Ja, ich zahle nichts.“
Johannes sah ihn einen Moment lang an.
„Gar nichts?“
„Nein.“
„Interessant.“
Mehr sagte Johannes zunächst nicht.
Einige Tage später rief Elias seinen Sozialbetreuer an. Er wollte wissen, warum er eigentlich so viel Unterstützung bekam und ob so eine Meisterausbildung eigentlich was kostet.
„Du hast doch selbst gesagt, dass ich arbeiten soll“, sagte Elias. „Warum kostet meine Meisterausbildung nichts?“
„Weil du Unterstützung brauchst.“
„Johannes braucht den Meister auch. Er wird Vater. Hat ein Haus gebaut. Deswegen kann er sich seine Meisterausbildung nicht leisten.“
„Natürlich.“
„Johannes braucht sie sogar mehr als ich. Er hat bald eine Familie.“
Der Betreuer seufzte. Nicht genervt, eher so, als müsse er einem Kind erklären, warum eine Regel gerecht war, obwohl sie auf den ersten Blick ungerecht erschien.
„Elias, in Deutschland sollen alle Menschen die gleichen Chancen bekommen.“
„Ja.“
„Dafür gibt es Förderprogramme. Für Menschen mit besonderen Voraussetzungen gibt es eben besondere Unterstützung.“
Elias schwieg.
„Aber warum bekommt Johannes sie nicht? Was ist meine besondere Voraussetzung?“
„Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.“
Elias schaute auf die unterschriebenen Formulare, die vor ihm auf dem Tisch lagen.
„Gerechtigkeit?“
„Ja.“
Elias bedankte sich und legte auf.
Von diesem Tag an begann er, manche Dinge anders zu sehen.
Wenn seine Freunde neue Leute kennenlernten, stellten sie ihn als „Elias aus Syrien“ vor. Sein Chef sagte gern, dass „unser Elias aus Syrien“ jetzt den Meister mache. Ältere Menschen auf der Straße lobten ihn dafür, wie gut er Deutsch sprach. Einmal sagte eine ältere Dame zu ihm: „Das hätte ich gar nicht gedacht, dass Sie schon so gut Deutsch sprechen.“
Elias bedankte sich höflich. Er wusste nicht, was er sonst hätte tun sollen.
Auch seine Freunde meinten es gut mit ihm. Vielleicht sogar zu gut. Sie wollten, dass Elias endlich eine Frau kennenlernte. Immer wieder hatten sie jemanden für ihn. Meistens waren es arabische Frauen, oft stammten sie sogar aus Syrien. Manchmal bekam er ein Foto auf sein Handy geschickt, manchmal erzählte ihm jemand beim Essen von einer Cousine, einer Schwester oder einer Bekannten, die „sehr nett“ sei und „gut zu ihm passen“ würde. Es waren nie deutsche Frauen die ihm vorgestellt wurden.
Elias lehnte jedes Mal freundlich ab. Irgendwann sagte er seinem Freund Hassan: „Ich bin Christ.“
Hassan sah ihn verständnislos an. „Na und?“
„Ich möchte keine muslimische Frau heiraten.“
„Warum nicht?“
Elias wusste nicht, wie er das erklären sollte, ohne seinen Freund zu beleidigen. Er hatte nichts gegen muslimische Frauen. Er wollte nur keine Muslimin heiraten. Er wollte überhaupt keine Frau heiraten, nur weil sie aus Syrien kam oder weil sie dieselbe Sprache sprach wie er. Er wollte eine deutsche Frau kennenlernen. Eine Frau, mit der er sein Leben in Deutschland aufbauen konnte. Eine Frau, die ihn nicht zuerst als Syrer sah.
„Ich möchte einfach eine deutsche Frau“, sagte er schließlich.
Hassan lachte.
„Du bist doch erst seit ein paar Jahren hier.“
„Und?“
„Du musst doch nicht gleich eine Deutsche heiraten.“
Elias lächelte.
Es war genau das, was er schon so oft gehört hatte. Als wäre es selbstverständlich, dass ein Syrer am besten zu einer Syrerin passte. Als wäre seine Herkunft nicht nur bei der Arbeit, sondern auch bei der Partnerwahl ein entscheidendes Kriterium.
Er begann sich zu fragen, ob die Freiheit, die er gesucht hatte, vielleicht nur für die wichtigen Dinge galt. Er durfte selbst entscheiden, welchen Beruf er erlernte. Er durfte selbst entscheiden, wo er wohnte. Aber bei der Frage, wen er heiraten sollte, hatten seine Freunde offenbar eine deutlich bessere Vorstellung davon, was zu ihm passte.
Er begann sich zu fragen, ob er überhaupt noch etwas tun konnte, ohne dass seine Herkunft dabei eine Rolle spielte. Wenn er eine gute Note bekam, war es erstaunlich, weil er aus Syrien kam. Wenn er eine schlechte Note bekam, war es verständlich, weil er aus Syrien kam. Wenn er eine Ausbildung nicht schaffte, brauchte er Unterstützung. Wenn er sie schaffte, war es eine Erfolgsgeschichte. Wenn er einen Meister machte, war es ein Zeichen gelungener Integration. Und wenn er heiratete, sollte es am besten eine Syrerin sein.
Elias begann zu ahnen, dass Integration vielleicht bedeutete, dass man niemals ganz ankam.
Eines Tages machte er Falafel und brachte seiner Nachbarin einen Teller vorbei. Sie aß davon und kam am nächsten Morgen zu ihm.
„Die waren wirklich ausgezeichnet“, sagte sie. „Das liegt bestimmt daran, dass es Ihre Heimatküche ist.“
Elias lächelte.
„Ich habe schon als Kind im Restaurant von meinem Onkel gearbeitet. Deswegen schmeckte es so gut.“
Die Nachbarin sah ihn überrascht an.
„Natürlich“, sagte sie schnell. „Das meinte ich doch.“
Aber Elias wusste, dass sie es nicht gemeint hatte. Sie hatte gar nicht daran gedacht, dass er es gelernt hat weil er Geld verdienen musste. Für sie war die Erklärung einfacher gewesen: Er war Syrer, also konnte er Falafel machen.
Er nahm ihr den Teller ab und ging zurück in seine Wohnung.
Elias hatte Deutschland einmal gewählt, weil er hier endlich er selbst sein wollte. Er hatte geglaubt, Freiheit bedeute, dass niemand mehr für ihn bestimmte, wer er war. Nun stellte er fest, dass es auch in einem freien Land Menschen gab, die es gut mit einem meinten und trotzdem ständig erklärten, dass sie besser wissen was gut für ihn ist.
Das Merkwürdige daran war, dass niemand ihn beleidigte. Niemand schrie ihn an. Niemand sagte ihm, dass er hier nicht hingehörte. Im Gegenteil. Die Menschen waren freundlich. Sie wollten ihm helfen. Sie wollten ihm Chancen geben. Sie wollten zeigen, dass Deutschland offen war.
Vielleicht war genau das das Problem.
Denn je länger Elias in Deutschland lebte, desto weniger musste er selbst erklären, wer er war. Andere hatten das längst übernommen.
Der Sozialbetreuer hatte Akten über ihn. Das Arbeitsamt hatte Förderprogramme für ihn. Die Schule hatte Nachsicht mit ihm. Der Betrieb hatte eine Förderung für ihn. Seine Freunde hatten eine syrische Frau für ihn.
Und alle hatten eine Erklärung dafür, warum er war, wie er war.
Elias. Der ewige Syrer.
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