Unfiltered
Die heutige Welt ist eine gefilterte Welt. Es gibt bestimmte Dinge, die in den Abendnachrichten absolut akzeptabel sind, und andere Dinge, die in Ordnung sind, wenn es darum geht, was auf X (früher Twitter), YouTube und all diesen anderen Plattformen diskutiert wird.
Auf der einen Seite stehen das Overton-Fenster und verschiedene politische Agenden, auf der anderen Seite steht „der Algorithmus“ (und auch hier wieder: verschiedene politische Agenden. Vermischt mit wirtschaftlichen Interessen und anderem Zeug, aber hey, da es heutzutage ohnehin kaum noch einen Unterschied zwischen Wirtschaft und Politik gibt, gilt hier: Jacke wie Hose).
Der Algorithmus.
Jeder biedert sich „dem Algorithmus“ an.
Algorithmen sind nützlich, daran besteht kein Zweifel. Was sie jedoch nicht sind, ist das Nonplusultra – eine Instanz, die einem vorschreiben kann, worüber man nachdenken oder was einem wichtig sein sollte.
Die hyperoptimierten Algo-Feeds, in denen wir uns wiederfinden, täuschen vor, uns zu zeigen, was relevant ist. Aber sie sind nicht für uns optimiert, sie sind gegen uns optimiert. Unser Nervensystem liefert die Trainingsdaten; unser Ego und unsere Laster sind die Rädchen, an denen gedreht wird, und die Hebel, die gezogen werden.
Noch schlimmer: „Der Algorithmus“ erzeugt eine fatale Abhängigkeit vom Publikum (Audience Capture), oft sogar ohne dass da überhaupt viel Publikum wäre. Er erzeugt Selbstzensur und einen Abschreckungseffekt von ungeheuren Ausmaßen, da jeder versucht, „den Algorithmus“ zufriedenzustellen, anstatt der eigenen Seele gerecht zu werden.
Was für eine seelenlose Welt wir da erschaffen haben. Und zu welchem Zweck? Reichweite? Einfluss? Täglich aktive Nutzer – was natürlich letztlich nur ein anderes Wort für Sucht ist?
Ich muss dabei zwangsläufig an den Brief denken, den Kurt Vonnegut vor gerade einmal 20 Jahren an die Schüler der Xavier High School schrieb:
Übt irgendeine Kunst aus, sei es Musik, Singen, Tanzen, Schauspielerei, Zeichnen, Malen, Bildhauerei, Poesie, das Schreiben von Romanen, Essays oder Reportagen, egal wie gut oder schlecht – nicht um Geld und Ruhm zu erlangen, sondern um das eigene Werden zu erfahren, um herauszufinden, was in euch steckt, um eure Seele wachsen zu lassen.
— Kurt Vonnegut
Was auch immer „der Algorithmus“ tun mag, eines tut er mit Sicherheit nicht: eure Seele wachsen lassen. Egal, ob ihr „Creator“ oder „Konsument“ seid, ihr seid ein Rädchen in einer Maschine und bedient Interessen, die ihr selbst kaum versteht – die kaum überhaupt jemand versteht. Ihr füttert die Maschine: mit eurer Arbeit, eurer Zeit, eurer Aufmerksamkeit und ja, sogar mit eurer Seele.
Für „den Algorithmus“ etwas zu erschaffen, anstatt um der Schöpfung selbst willen, hat mit Erschaffen kaum noch etwas zu tun. Es ist eine seelenschrumpfende Tätigkeit, genau wie Konsum um des Konsums willen. Wir haben eine Welt aufgebaut, die den Konsum verherrlicht, und leben nun in einer Welt, die auf eine einzige Metrik hyperoptimiert ist: den Konsum von Informationen. Ob diese Informationen richtig aufgenommen, verdaut und in einen soliden Wissensschatz verwandelt werden, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Und warum sollten wir beim Wissen stehen bleiben? Warum können wir keine Welt aufbauen, die Liebhaber der Weisheit hervorbringt, wachsen lässt, ermutigt, fördert oder auf andere Weise erschafft?
Das Filtern von Inhalten kann nützlich sein, zweifellos. Es gibt kaum einen tatsächlichen Unterschied zwischen Zensur (überhaupt keine Informationen) und massiver Reizüberflutung (alle Informationen, und zwar immer). Wir ertrinken in Informationen, aber wir verhungern nach Weisheit.
Algorithmen werden uns dabei nicht helfen. Dafür brauchen wir Kunst, Musik und Gesang, wie Vonnegut es so wunderschön beschrieben hat. Ausdrücken, was in uns schlummert, um unser Werden zu erfahren, um unsere Seelen wachsen zu lassen.
Die Welt spaltet sich in zwei Teile, oder zumindest meine Welt, nämlich das Internet. An manchen Tagen mag es extrem schwer sein, dem Sog dieser seelenraubenden Maschinerie zu widerstehen. Aber wenn es darum geht, meiner Arbeit (und meiner Seele) ein Zuhause zu bauen, fällt die Wahl, auf welcher Seite ich leben möchte, denkbar leicht: auf derjenigen, die ungefilter.
This article first appeared on dergigi.com.
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