Der Coldcard-Hack erklärt

594 Bitcoin verschwanden in etwa 25 Minuten aus 500 Wallets und das war erst der Anfang. Niemandes Schlüssel wurden gestohlen. Niemandes Gerät wurde berührt. Und genau das macht diesen Fall so erschreckend.
Der Coldcard-Hack erklärt

Hier ist eine zusammenfassende Chronologie des Coldcard-Seed-Generierungs-Desasters. Wir schauen uns an, was Coinkite und Block in der Firmware gefunden haben, was du als Coldcard-Besitzer (nicht nur der Mk3) jetzt tun musst und welche Sicherheitsgewohnheiten jedes Hardware-Wallet effektiv schützen.

Die meisten Bitcoin-Diebstähle haben einen greifbaren Bösewicht: einen Phishing-Betrug, einen falschen Support-Mitarbeiter oder einen direkten Überfall. Jemand trickst dich aus und die Coins sind weg.

Dieser Fall ist anders. Die Opfer haben fast alles richtig gemacht: Sie kauften ein seriöses Hardware-Wallet, notierten die Seed-Wörter auf Papier, tippten sie nie in einen Computer ein und bewahrten ihre Ersparnisse jahrelang sicher im Cold Storage auf. Dennoch verschwanden am frühen Morgen des 30. Juli 2026 die Coins. Alle auf einmal, von Hunderten von Menschen, die nur eines gemeinsam hatten: das Gerät, das ihre Schlüssel generierte.

Lass uns einen Blick auf die Ereignisse werfen, denn die Chronologie selbst ist die wichtigste Lektion.

Der Sweep, den niemand kommen sah

Am Donnerstag, den 30. Juli, um 01:36 Uhr UTC begann einer der präzisesten On-Chain-Diebstähle. Innerhalb von vier Blöcken räumte eine automatisierte Operation 500 separate Adressen leer. Insgesamt wurden 1.324 Unspent Outputs mit rund 594,5 BTC (damals etwa $38 Millionen) gestohlen und auf eine einzige Konsolidierungsadresse transferiert.

Der Fingerabdruck des Angriffs ist eindeutig: Alle betroffenen Adressen waren Single-Signature. Keine Multisig-Wallets, keine Taproot-Adressen. Der Angreifer filterte nach Mindestguthaben – niemand verlor weniger als 0,15 BTC. Es war ein extrem gezielter Angriff, der den Dieb nur rund $2.800 an Transaktionsgebühren kostete.

Panik und Verwirrung setzen ein

Der erste Alarm kam von einem Reddit-Nutzer, dessen Wallet plötzlich leer war. Schnell meldeten sich weitere Opfer und bekannte Persönlichkeiten aus der Community. Es war klar: Das war kein einfaches Phishing, sondern ein systemisches Problem.

Coinkite-Gründer NVK vermutete zunächst kompromittierte Seeds, ruderte aber schnell zurück, als das Ausmaß klar wurde, und ließ sein Team den Vorfall untersuchen. Währenddessen erkannten On-Chain-Analysten schnell das wahre Problem: eine fehlerhafte Entropie bei der Wallet-Generierung.

Die Sicherheitswarnung von Coinkite

Ende Juli veröffentlichte Coinkite eine offizielle Warnung. Wer einen Seed auf einer Coldcard Mk3 mit Firmware-Version 4.0.1 (März 2021) oder neuer generiert hat, muss seine Gelder als gefährdet betrachten.

Die gute Nachricht: Wenn du deinen Seed mit einer BIP-39-Passphrase geschützt hast, bist du kaum gefährdet, da diese vom Nutzer und nicht vom Gerät generiert wird.

Die bittere Erkenntnis des Herstellers: Ein Großteil der Zufälligkeit (Entropie) stammte nicht vom eingebauten Hardware-Zufallsgenerator, sondern durch einen Bug unwissentlich von einem simplen Software-Generator.

Der Block-Bericht: Wie der Fehler passierte

Das Sicherheitsteam von Block veröffentlichte kurz darauf eine technische Analyse. Der Fehler war ein klassischer Code-Bug: Eine Bibliothek prüfte lediglich, ob ein bestimmtes Flag zur Deaktivierung des Software-Zufallsgenerators definiert war, nicht ob es aktiviert war.

Das fatale Ergebnis: Die Seed-Generierung nutzte statt echter Hardware-Entropie ein einfaches Software-Fallback, das auf der festen Seriennummer des Chips und Start-Timern basierte. Die generierten Zahlen sahen nur zufällig aus, waren aber vorhersehbar.

Auf der Mk2 und Mk3 (v4-Firmware) lag der Suchraum für den Seed dadurch bei nur etwa 240240 statt der sicheren 21282128. Ein Angreifer konnte die Schlüssel einfach berechnen. Bei den Modellen Mk4, Q und Mk5 war es durch einen Reseed etwas besser (etwa 272272), aber immer noch weit unter dem Sicherheitsstandard.

Wichtig: Das ist kein reines Mk3-Problem. Wenn du seit März 2021 einen Seed auf irgendeiner Coldcard generiert hast, bist du potenziell betroffen.

Die aktuelle Lage und der Fix

Coinkite hat einen Notfall-Hotfix veröffentlicht (Firmware 5.6.0 für Mk4/Mk5, 1.5.0Q für Q), der den Fehler ab sofort behebt und die Code-Schwachstelle schließt.

Ein extrem wichtiger Hinweis: Ein Update repariert keine bestehenden, schwachen Seeds! Du musst zwingend einen komplett neuen Seed auf einem gepatchten Gerät generieren und deine Gelder dorthin verschieben. Einen kompromittierten Seed auf ein anderes Wallet (wie Trezor oder Ledger) zu übertragen, bringt nichts.

Ein pikantes Detail am Rande: Der Angreifer hat vermutlich KI genutzt, um den Open-Source-Code nach diesem Bug zu durchsuchen. Coinkite selbst hatte den Code kurz zuvor von einer KI prüfen lassen – ohne, dass diese den Fehler gefunden hätte.

Die Rettung: Das 25. Wort (Passphrase)

Verwechsle nicht deine Geräte-PIN mit der Passphrase! Die BIP-39-Passphrase (oft als 25. Wort bezeichnet) ist ein zusätzliches Geheimnis, das du dir ausdenkst und das ein komplett neues Wallet ableitet.

Da das Gerät diese Passphrase nicht generiert, war sie vom Entropie-Bug nicht betroffen. Wer eine starke Passphrase genutzt hat, dessen Wallet blieb sicher. Alle geleerten Wallets waren Single-Sig-Setups ohne Passphrase.

Was du jetzt tun musst

Bleib ruhig. Eine überstürzte Migration birgt eigene Risiken. Gehe systematisch vor:

  • Prüfe, welche Firmware beim Erstellen deines Seeds aktiv war. (März 2021 bis Juli 2026 ist kritisch).
  • Aktualisiere die Firmware deines Geräts auf den neuesten Hotfix.
  • Generiere einen komplett neuen Seed.
  • Teste dein neues Setup mit einer kleinen Transaktion, bevor du große Summen bewegst.
  • Bewahre alte Backups auf, bis die Migration vollständig abgeschlossen und verifiziert ist.

So schützt du dich in Zukunft

Coldcard ist nicht das einzige Wallet, dem so etwas passiert ist (siehe Fälle wie Milk Sad oder Randstorm). Härte dein Setup ab, damit du dich nie auf ein einziges Unternehmen verlassen musst:

  • Packe nicht alles in eine Wallet: Verteile deine Coins auf verschiedene Wallets
  • Verwende Würfel: Wenn du kannst dann generiere deinen Seed selbst, um dich nicht auf undurchsichtige Prozesse verlassen zu müssen.
  • Multisig ist King: Der beste Schutz ist ein Multisig-Setup (z. B. 2-von-3), idealerweise mit Geräten verschiedener Hersteller. So kann der Fehler eines einzelnen Unternehmens niemals zu einem Totalverlust führen.

Fazit

Self-Custody bedeutet, dass du deine eigene Bank bist. Das ist ein großartiges Versprechen, erfordert aber Disziplin. Der Coldcard-Bug ist kein Argument gegen Self-Custody, sondern ein Weckruf, sie ernst zu nehmen: Überprüfe deine Entropie, baue mehrere Sicherheitsebenen ein und vertraue niemals blind der Technik.

Not your keys, not your coins. Und: Keine echte Entropie, nicht deine Schlüssel.

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