Walküren der Neuzeit
Da kommt sie angeflogen. Fünfzehn Jahre alt, die blonden Haare wehen im Fahrtwind, der Blick ist von starrer Entschlossenheit geprägt. Wie eine moderne Walküre gleitet sie lautlos durch das urbane Schlachtfeld der städtischen Fußgängerzone. Ihr geflügeltes Ross hat allerdings keine Hufe, sondern acht Zoll kleine Hartgummireifen, leuchtet knallgrün und piept ohrenbetäubend beim Entsperren per QR-Code.
Willkommen in der Ära, in der das gute alte Fahrrad ausgedient hat. Unsere junge Walküre tritt nicht mehr in die Pedale. Sie drückt einen kleinen Hebel mit dem rechten Daumen hinunter und lässt sich vom surrenden Elektromotor in Richtung Walhall tragen, was in diesem Fall die Shisha-Bar, das Einkaufszentrum oder der nächste Nagelstudio ist.
Die Inflation der Drahtesel
Man fragt sich: Wo ist das quietschende Mountainbike geblieben, mit dem Generationen von Jugendlichen tapfer durch die Straßen gestrampelt sind? Die Antwort liefert ein Blick auf die gnadenlose Inflation.
Ein ordentliches Fahrrad zu kaufen, erfordert heute Reichtümer, für die man früher fast einen Gebrauchtwagen bekommen hätte. Die Preise für Zweiräder sind in schwindelerregende Höhen geklettert und sprengen längst das elterliche Budget. Die Jugend von heute rechnet daher kühl: Warum ein Vermögen für etwas ausgeben, bei dem man auch noch selbst schwitzen muss? Der E-Scooter ist die scheinbar geniale, inflationssichere Antwort. Bezahlt wird in Cent-Beträgen vom Taschengeldkonto. Es ist die Illusion von billiger, anstrengungsfreier Mobilität.
Der Energiesparmodus einer ganzen Generation
Doch dieser ökonomische Pragmatismus fordert einen unsichtbaren, aber gewichtigen Tribut. Während die historische Walküre noch stählerne Muskeln brauchte, um schwer gepanzerte Krieger aufs Pferd zu wuchten, hat unsere 15-jährige Brunhilde der Neuzeit die Fortbewegung komplett outgesourct.
Wir erleben die kollektive Verfettung einer Gesellschaft, die das Treten verlernt hat. Das Fahrrad war einst der automatische Widerstand gegen die Schwerkraft, die ständige Grundfitness der Jugend. Heute gilt jeder Meter, der nicht elektrisch unterstützt wird, als unzumutbare körperliche Härte. Die Bequemlichkeit siegt, der Körper fährt dauerhaft im Standby-Modus, die Muskeln weichen einer neuen, gut gepolsterten Trägheit und der kleine Motor im Hinterrad muss die stetig wachsende Last der pedal-losen Generation ziehen.
Götterdämmerung am Schicksalsberg
Das mythologische Drama entfaltet sich in seiner ganzen Pracht, wenn diese massig gewordene Generation auf ein echtes städtisches Hindernis trifft. Die steile Brücke über die Bahngleise – der moderne Bifröst, die Regenbogenbrücke auf dem Weg nach Walhall, wird plötzlich zum unüberwindbaren Schicksalsberg.
Die Walküre und ihre schwerfälligen Krieger nehmen Anlauf. Doch die Physik lässt sich nicht von einer günstigen Flatrate austricksen. Der winzige, aus Kostengründen möglichst billig produzierte 250-Watt-Motor ächzt unter dem Gewicht einer Jugend, die schlichtweg zu schwer für den eigenen Fortschritt geworden ist.
Der E-Roller, entworfen für windschnittige Hipster, prallt auf die inflationsgeplagte, tretfaule Realität. Der Motor heult auf. Aus den souveränen 20 stundenkilometern werden zähe 12. Dann 8. Aus dem futuristischen Surren wird ein jämmerliches, hochtouriges Wimmern - als würde der Fenriswolf persönlich in seinen Ketten würgen. Der Roller vibriert verzweifelt. Die Hartgummireifen beißen sich in den Asphalt. Ein letztes, tragisches Piepen, und dann: Stillstand.
Der Fußmarsch nach Walhall
Der Motor kapituliert. Er ist einfach nicht stark genug, um diese schwere Last hinauf in die Hallen der Götter zu tragen.
Was nun folgt, ist die absolute Demütigung der motorisierten Jugend und der unfreiwilligste Fitness-Test der Großstadt. Die Walküre muss absteigen. Die weißen Sneaker berühren den rauen Boden von Midgard. Und plötzlich muss diese Armada an Roller-Kriegern das tun, was sie um jeden Preis vermeiden wollte: sich bewegen.
Da stehen sie nun auf halber Strecke zum Gipfel. Schwer atmend, mit hochroten Köpfen stemmen sie sich gegen den Berg. Aus den erhabenen Gleitern der Vorstadt sind keuchende Fußgänger geworden, die zwanzig Kilo nutzlosen Elektroschrott bergauf schieben müssen. Die Tore von Walhall bleiben vorerst geschlossen – zumindest so lange, bis jemand wieder lernt, wie man in die Pedale tritt.
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