Wie die digitale Identität zur Normalität wird
Pubs und Geschäfte in England und Wales können jetzt digitale ID-Apps zur Altersverifizierung zulassen. Seit Dienstag ebnen neue Regelungen für lizenzierte Betriebe des Gastronomie- und Unterhaltungsgewerbes den Weg für den elektronischen Altersnachweis beim Verkauf von Alkohol.
Käufer von alkoholischen Getränken können somit künftig ihr Smartphone benutzen, um nachzuweisen, dass sie 18 Jahre oder älter sind. Die britische Regierung argumentiert in einer Pressemitteilung, dadurch würden Altersprüfungen schneller, einfacher und sicherer. Die Neuerung trage gar zu einem besseren Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Sicherheit der Kunden bei.
Der digitale Altersnachweis werde parallel zum klassischen eingeführt, versichert die Regierung. Die Unternehmen würden nicht gezwungen, digitale IDs zu akzeptieren. Andersrum wird allerdings nur gesagt, dass sie die analogen Ausweise weiter anerkennen können – nicht, dass sie dies müssten. Gleichzeitig heißt es in der Mitteilung, die Kunden könnten die digitale Variante nutzen und auf die physische verzichten. Die BBC formuliert diesen Aspekt deutlicher:
«Die Änderung bedeutet, dass Unternehmen nicht mehr verpflichtet sind, die Verwendung physischer Ausweise zuzulassen. Die Regierung argumentiert jedoch, dass die meisten Betriebe dies weiterhin tun würden.»
Kunden können ID-Apps von verschiedenen Anbietern wählen, sofern diese auf einer offiziell genehmigten Liste stehen. Zertifizierte Dienste müssten die Echtheit eines Ausweises prüfen und ob er der Person gehöre, die ihn vorlegt. Dadurch könnten gefälschte oder geliehene Ausweise entdeckt werden, so die Regierung.
Die App von Yoti lasse einen Benutzer beispielsweise nur nach biometrischer Prüfung einloggen, erklärt die BBC. Sie überprüfe, ob ein Scan seines Gesichts mit dem der Person übereinstimmt, die sich für die App angemeldet hat. Vom spanischen Markt hat sich dieser Hersteller übrigens kürzlich zurückgezogen, nachdem die Datenschutzbehörde wegen seines Umgangs mit biometrischen Daten eine hohe Geldbuße gegen ihn verhängt hatte.
Zukünftig könnte das System zum digitalen Altersnachweis auch auf Tabakwaren und E-Zigaretten ausgeweitet werden, ergänzt die BBC. Die Organisation Big Brother Watch habe eingewandt, die Regierung müsse sicherstellen, dass die digitale Identifizierung nicht faktisch verpflichtend werde. Viele Menschen hätten legitime Gründe, sich auf physische Ausweispapiere zu verlassen.
Die britische Journalistin Susie Violet Ward erklärt in Beiträgen auf Nostr die Manöver der Regierung für Augenwischerei. Die Darstellung, dass der Nutzer keine sensiblen persönlichen Daten wie Namen oder Adresse mehr preisgeben müsse und dass das Verfahren unabhängig vom digitalen Führerschein und der nationalen digitalen Brieftasche GOV.UK Wallet sei, hält Ward für irreführend.
Es klinge datenschutzfreundlich, dass das Geschäft nur den Altersnachweis sehe. Der Identitätsprüfer hinter der App müsse jedoch immer noch die zu Grunde liegenden sensiblen Daten verarbeiten. Genau das sei der wichtige Punkt in Bezug auf Fragen zu Privatsphäre und Sicherheit. Anlässlich der neuen Regelung warnt die Journalistin:
«Die digitale Identität wird zur Normalität, wenn sie Schritt für Schritt in den Alltag integriert wird – eine Bequemlichkeit nach der anderen. Je mehr wir uns auf diese Infrastruktur verlassen, desto schwieriger wird es, zu hinterfragen, wie weit sie gehen sollte. Die Debatte muss stattfinden, bevor die Bequemlichkeit zur Abhängigkeit wird.»
Das heftig umstrittene digitale ID-Projekt der Regierung Starmer hat der neue Premierminister Andy Burnham offiziell vergangenen Juli gecancelt. Was vom Tisch genommen wurde, sei indes nur das politisch sichtbare Produkt gewesen, so Ward.
Die Arbeit am GOV.UK Wallet, am digitalen Führerschein und am Identitätsüberprüfungsdienst One Login gehe dagegen weiter. Die Systeme zur Ausstellung, Speicherung und Überprüfung digitaler Ausweise würden also unbeirrt weiterentwickelt, wie selbst aus der technischen Dokumentation der Regierung hervorgehe.
[Titelbild: Pixabay]
Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben und ist zuerst auf Transition News** erschienen.
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