Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen!
Adolf Eichmann soll sich im Auschwitz-Prozess zu seiner Entlastung auf Immanuel Kant berufen haben. Dieser Verweis ist eine Irreführung, auf die Hannah Arendt mit ihrem bekannten Zitat hinwies: “Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen, bei Kant.” Tatsächlich hat sich der berühmte Philosoph in mehreren Schriften (Metaphysik der Sitten, Kritik der praktischen Vernunft, Zum ewigen Frieden) kritisch zum bedingungslosen Gehorsam geäußert. „Der Staat hat das Recht, Gesetze zu erlassen, doch die Bürger sind nur dann verpflichtet, diesen zu gehorchen, wenn die Gesetze mit dem Prinzip der Freiheit vereinbar sind.“ Kant verbindet politische Ordnung mit moralischer Legitimität: Gehorsam gegenüber staatlichen Anordnungen ist nur dann moralisch bindend, wenn diese Gesetze die Freiheit und Würde des Individuums respektieren.

Kadavergehorsam
Ungeachtet dessen leugneten Millionen Deutsche Ihre Mitverantwortung an den NS-Verbrechen mit dem Verweis auf Befehlsnotstand. Kadavergehorsam ist aber kein spezifisch deutsches Problem, sondern ein globales mit verheerender Bilanz. Millionen Tote in russischen Straflagern (Gulags), durch Maos sogenannte “Kulturrevolution”, durch den Terror der Roten Khmer in Kambodscha, die Massaker an Kommunisten in Indonesien, “Bürgerkriege” in Ruanda, Jugoslawien, Genozide der Türken an Armeniern und aktuell durch Israel an der palästinensischen Bevölkerung. Das 20. Jahrhundert war DIE Epoche der Massenmorde, nicht das Zeitalter von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als das es gerne mystifiziert wird. Die Ereignisse der vergangenen 25 Jahre und die aktuell stattfindende Militarisierung lassen befürchten, dass sich diese Tendenz im 21. Jahrhundert fortsetzen könnte. Um das zu verhindern müssen wir die Ursachen derartiger Barbarei erkennen und Strategien zu ihrer Überwindung entwickeln.

Konformitätsdruck
Wissenschaftler haben sich daher nach dem Krieg verstärkt dem Thema Autoritäten und Konformität gewidmet. Der Psychologe Stanley Milgram war einer von ihnen, das Milgram-Experiment von 1963 ist weithin bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache dass es insgesamt 23 verschiedene Versuchsanordnungen mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen gab, z.B. auch diese Variante: “Und wenn die Testperson sah, wie andere Menschen vor ihr die Rolle des Lehrers übernahmen und sich weigerten, der Anweisung des Experimentators zu folgen, die Stromstöße zu verabreichen, sank die Bereitschaft dieser Testperson, den maximalen Stromstoß zu verabreichen, auf 10 %. Anders formuliert, wenn die Testperson sah, dass jemand dem Experimentator nicht gehorchte, weigerte sie sich in 90 % der Fälle, das Experiment fortzusetzen.”
https://www.tutor2u.net/psychology/reference/explanations-for-obedience-variations-of-milgram-1963
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3976349/

Dies ist die überraschende Schlussfolgerung, die aus den meisten Berichten über die Milgram-Experimente gestrichen wurde: Ungehorsam wird, sobald er vorgelebt wird, zu einer Option in den Köpfen der Öffentlichkeit. Diese Erkenntnis wird von den Machteliten als gefährlich erachtet, Milgram wurden daher methodische Fehler in Versuchsanordnung und Studie vorgeworfen, offensichtlich um seine Erkenntnisse im Misskredit zu bringen. Diese Bemühungen sind aber widerlegt durch die Experimente die Solomon Asch bereits Mitte der Fünfziger Jahre durchgeführt hatte, mit vergleichbaren Ergebnissen.
https://www.panarchy.org/asch/social.pressure.1955.html

Der „Circuit-Breaker-Effekt”
Indem wir uns gegen illegitime Autorität wehren, uns Tyrannen und Schlägern widersetzen, unmoralische Befehle verweigern und uns weigern, ungerechten Anordnungen und Forderungen nachzukommen, machen wir es den Menschen in unserem Umfeld viel leichter, für das einzustehen, was auch sie für richtig halten. Mahatma Ghandi, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela und Vaclav Havel sind prominente Beispiele was man mit zivilem Ungehorsam erreichen kann. Dieser Punkt ist entscheidend für das Verständnis, denn wie Étienne de La Boétie schon vor fast 500 Jahren betonte, ist eine kleine Gruppe von Tyrannen, egal wie psychopathisch bedrohlich sie auch sein mögen, nicht in der Lage, eine Tyrannei ganz allein zu verwalten. Sie benötigen die aktive Beteiligung einer viel größeren Anzahl gehorsamer Befehlsempfänger. Genau wie zu Zeiten von La Boétie ist unsere Versklavung durch die Pathokratie im Großen und Ganzen eine freiwillige Knechtschaft, die aus Gehorsam entsteht.

Die Kraft der “Schwachen”
Vaclav Havel hat in seinem Buch “The power of the powerless” dargelegt, dass man posttechnokratische Systeme nicht beseitigen, aber verändern kann. “Nicht die politischen Psychopathen zu beseitigen und ihre Machtpositionen in dem von ihnen geschaffenen psychopathischen politischen System zu übernehmen oder dieses System sogar ganz abzuschaffen, sondern eine Welt zu schaffen, in der Mitgefühl, Zusammenarbeit, Liebe und Empathie nicht nur gefördert, sondern aktiv belohnt werden. Eine Welt, in der jeder Mensch sein bestmögliches Selbst werden darf.”

Es liegt an jedem Einzelnen von uns, das vorzuleben, was wir in der Welt sehen wollen (Ghandi). Genau wie der mutige Dissident, der den Kreislauf der Tyrannei durchbrechen kann, indem er seine Opposition gegen den Tyrannen zum Ausdruck bringt, können auch wir zu Vorbildern der Liebe, des Verständnisses und des Mitgefühls werden, die andere motivieren, es uns gleichzutun. In diesem Sinne ist niemand von uns schwach, trotzdem definieren die meisten sich so. Wenn wir diesen Irrglauben überwinden, verändern wir die Welt!