Religionsbezogene Bildung mit Rollenkarten: KI-Bilder als Impulsgeber

In diesem Beitrag verweise ich auf zwei inspirierende Blogartikel von Frau Schütze zum Einsatz von KI-Bildern und Rollenkarten im Ethik-/Philosophieunterricht und zeige, wie sich diese Methoden auf die religionsbezogene Bildung übertragen lassen. Anhand von Ideenimpulsen – etwa der Visualisierung religiöser Symbolik durch KI-Modelle oder dem Einsatz von Rollenporträts für interaktive Diskussionsformate – werden konkrete Anregungen gegeben, um interreligiöse Dialoge und medienkritische Reflexion im Unterricht zu fördern.
Religionsbezogene Bildung mit Rollenkarten: KI-Bilder als Impulsgeber

Im Rahmen unseres Workshops möchte ich auf zwei inspirierende Beiträge von Frau Schütze hinweisen und dich einladen, deren Ansätze für die religionsbezogene Bildung weiterzudenken. Die beiden Ausgangspunkte sind:

  1. Werkstattbericht: KI-Bilder im Ethik/Philosophie-Unterricht
    In diesem Beitrag beschreibt Frau Schütze, wie sie mithilfe verschiedener KI-Modelle (Midjourney, DALL·E, Ideogram.ai) Bilder generiert, um Schülerinnen und Schüler zum Nachdenken über philosophische und ethische Theorien anzuregen. So wurden zum Beispiel KI-Bilder erstellt, die eine Glückstheorie illustrieren, oder symbolische Darstellungen zum ontologischen und kosmologischen Gottesbeweis (etwa das „größte denkbare Wesen“ bzw. den Laplaceschen Dämon). Dabei erfahren die Lernenden nicht nur einen visuellen Zugang zu abstrakten Gedankenexperimenten, sondern reflektieren zugleich die Grenzen und Tücken von KI-gestützter Bildbeschreibung und -verarbeitung.
    https://frauschuetze.de/?p=7946

  2. Rollenkarten Moralphilosophie / angewandte Ethik
    Hier stellt Frau Schütze Rollenkarten vor, die sie für den Oberstufenunterricht entwickelt hat, um Diskussionen zur angewandten Ethik zu strukturieren. Die Karten enthalten Porträts wichtiger Moralphilosophinnen (z. B. Diogenes, Spaemann) und weitere Rollen wie Hinterfragerinnen oder Zweifler*innen, die sich schnell in Fallanalysen, Fishbowl-Formate oder Philosophencafés einbringen lassen. Die Porträts wurden ebenfalls mit Midjourney erstellt, wobei die Prompts konkret beschreiben, wie die Figuren dargestellt werden sollen (z. B. „xxx as a character in a fantasy story, portrait“).
    https://frauschuetze.de/?p=7640


Übertragung auf die religionsbezogene Bildung

Für religionsbezogene Bildungsszenarien eröffnen sich hier viele spannende Möglichkeiten. Im Folgenden findest du ein paar Ideenimpulse, wie du KI-Bilder und Rollenkarten gezielt einsetzen kannst, um religiöse Fragen, Traditionen und Identitäten in den Mittelpunkt zu rücken:

  1. KI-Bilder zur Visualisierung religiöser Konzepte

    • Symbolik und Ikonographie erschließen
      Nutze KI-Modelle, um die Symbolwelten verschiedener Religionen (z. B. Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus) visuell zu erkunden. Überlege: Wie lässt sich das Kreuz in unterschiedlichen Stilrichtungen (klassisch, modern, abstrakt) darstellen? Welche Bildwelten entstehen, wenn du nach einer fusionierten Ikonographie fragst, die christliche, buddhistische und indigene Symbole kombiniert? Durch den kreativen Prozess mit KI lernst du, welche Metaphern und Traditionen hinter religiösen Zeichen stehen und wie sie – bewusst oder unbewusst – von Algorithmen interpretiert werden. Dabei kannst du auch die Grenzen von KI thematisieren: Welche Vorurteile oder Fehldeutungen schleichen sich in die Bildgenerierung ein, wenn religiöse Themen verarbeitet werden?

    • Gedankenexperimente zu Gott und Transzendenz
      Analog zu den KI-Bildern für Gottesbeweise könntest du Aufgaben stellen wie:

      1. „Erstelle ein KI-Bild, das die Idee von Theodizee visuell darstellt.“

      2. „Lass die KI eine Szene generieren, in der gläubige und atheistische Perspektiven im Dialog stehen.“
        Anschließend diskutierst du mit der Gruppe, inwiefern die Bilder die jeweiligen Konzepte treffend abbilden oder eher stereotyp und eindimensional bleiben. Auf diese Weise vermittelst du nicht nur Content-Wissen, sondern entwickel auch die Medienkompetenz, indem du Fragen nach Intention, Deutungshoheit und algorithmischer Verzerrung aufwirfst.

  2. Rollenkarten für religiöse Perspektiven und Diskussionsformate

    • Personen aus religiösen Traditionen als Rollen
      Statt ausschließlich Moralphilosophinnen zu berücksichtigen, kannst du Rollenkarten mit Porträts von Religionsstifterinnen (z. B. Jesus von Nazareth, Maria, Mohammed, Buddha, Krishna), Reformern (Martin Luther, Savonarola) oder zeitgenössischen Theolog*innen (z. B. Dorothee Sölle) gestalten. Die KI-gestützten Bilder können dabei in unterschiedlichen künstlerischen Stilrichtungen entstehen – von historischer Malerei bis hin zu zeitgenössischer Street-Art-Adaption. Jede Rolle enthält einen kurzen Steckbrief mit zentralen Glaubensvorstellungen, biografischen Eckpunkten und einem charakteristischen Argument oder Zitat. So kannst du die Lernenden in Rollendebatten schicken, etwa:

      • „Wie würde Luther heute auf die Klimakrise blicken?“

      • „Welche theologische Argumentation könnte Dorothee Sölle zum Thema Gewaltlosigkeit einbringen?“

    • Szenarien für kontroverse Debatten

      1. Religiöse Vielfalt versus Säkularismus
        Verteilt Karten, in denen Rollen wie „konservativer Christ“, „liberaler Muslim“, „selbstbewusste/r Konfessionslose/r“, „Theologieprofessor/in“ oder „politische/r Aktivist/in“ eingenommen werden. Die KI-Porträts unterstützen die Visualisierung, verleihen den Rollen ein Gesicht und erleichtern das Einfühlen in andere Perspektiven.
  3. Interaktive Formate im Religionsunterricht

    • Glaubenscafé (analog zum Philosophencafé)
      In Kleingruppen diskutiert ihr verschiedene Glaubenspositionen. KI-Bilder dienen als Ausgangspunkt: Ein Bild, das etwa die Drei-Tage-Phase von Tod und Auferstehung Jesu künstlerisch darstellt, oder ein generiertes Motiv zu einem hinduistischen Fest (z. B. Holi), wird an die Wand projiziert. Anschließend reflektiert ihr gemeinsam: Welche Emotionen, Symbole, Bedeutungen nehmt ihr wahr? Danach schlüpft ihr in Rollenkarten (z. B. theologische/r Fachreferent/in, Religionskritiker/in, Gemeindemitglied) und erarbeitet Positionen, die ihr in einem moderierten Glaubenscafé präsentiert.

    • Fishbowl-Diskussionen
      Nutzt Rollenkarten zu religionsspezifischen Rollen (z. B. Rabbiner/in, Pfarrerin, Atheist/in, Kleriker/in einer traditionellen Religion, spirituelle/r Influencer/in) für eine Fishbowl-Diskussion zum Thema „Sinnsuche in der Postmoderne“. Die KI-Bilder dienen zu Beginn als visuelle Reize: „Welche Elemente im Bild sprechen für Spiritualität, welche eher für Skepsis?“ So wird die Distanz zwischen digitaler Darstellung und gelebter religiöser Erfahrung erlebbar.

  4. Methodische Hinweise und Reflexion

    • Prompt-Kompetenz schulen
      Wie schon im Ethikunterricht festgestellt, erfordert das präzise Beschreiben von Bildwünschen viel Übung. Die Lernenden lernen, welche Schlüsselbegriffe notwendig sind und wie kulturelle Vorannahmen in Prompts stecken bleiben. Im religionspädagogischen Kontext könnt ihr dies gezielt thematisieren: Wie formuliert man z. B. den Prompt „Stelle eine friedvolle interreligiöse Konferenz zwischen Christentum, Islam und Judentum dar“ so, dass keine Stereotype reproduziert werden?

    • Ethik des Bilderzeugens
      Diskutiert gemeinsam, inwiefern KI-Bilder beim Umgang mit heiklen religiösen Themen (z. B. Darstellungen des Propheten Mohammed im Islam) kulturelle oder religiöse Grenzen überschreiten können. Legt zusammen ethische Leitlinien fest, bevor ihr KI zur Bildproduktion nutzt: Welche religiösen Bilder sind “sakrosankt”, welche dürfen manipuliert werden und was bedeutet das für Religionsfreiheit und Respekt?

    • Reflexion über Urheberrecht und OER
      Wie Frau Schütze in den Rollenkarten-Anleitungen betont, sind ihre Materialien unter CC-BY-Lizenz verfügbar. Erörtert, was es bedeutet, religiöse Bild- und Textmaterialien unter Open-Content-Lizenzen zu verwenden und welche Implikationen das für Schule, Gemeinde und Zivilgesellschaft hat. Das sensibilisiert für Fragen von Teilhabe und Gemeineigentum im digitalen Raum.


Einladung zum Weiterdenken

Ich lade dich herzlich ein, die vorgestellten Methoden und Materialien in eigenen Projekten auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Diskutiere in Kleingruppen oder in einer offenen Runde:

  • Welche religiösen Themen lassen sich besonders gut mit KI-Bildern visualisieren?
    Beispiele: Zehn Gebote, Fastenrituale, Schöpfungsmythen, Visionen von Heiligen oder Heiligenschauen. Welche Prompts würdest du verwenden, um diese Szenen zu erzeugen?

  • Wie könnten Rollenkarten zu spezifischen religiösen Traditionen aussehen?
    Entwickle gemeinsam mit anderen kurze Steckbriefe und Bildprompts für Rollen wie „Sufi-Derwisch“, „Gottesleugner/in der Aufklärung“, „Ökumenische/r Pastor/in“, „Religionspädagog*in“, „Katholischer Laienbruder“ oder „Jüdische Rabbinerin“. Achte dabei auf unterschiedliche religiöse Sichtweisen und Geschlechterperspektiven.

  • Welche Herausforderungen ergeben sich beim Einsatz von KI-Bildern im Religionsunterricht?
    Erörtert mögliche Missverständnisse, kulturelle Fehlinterpretationen oder ethische Konflikte (z. B. pietätslose Darstellungen von Figuren, die in bestimmten Glaubensgemeinschaften als heilig gelten). Entwickelt gemeinsam Kriterien oder einen Leitfaden, um solche Risiken zu minimieren.

  • Wie lassen sich interreligiöse Dialoge durch digitale Methoden fördern?
    Gebt Impulse, wie man mit KI-Bildern und Rollenkarten einen „virtuellen Tempelraum“ gestalten kann, in dem Symbole unterschiedlicher Religionen nebeneinanderstehen und zu Dialog anregen. Welche Fragen stellen sich dabei hinsichtlich Toleranz, Respekt und theologischer Pluralität?


Zusammenfassung und Ausblick

Die beiden Beiträge von Frau Schütze bieten hervorragende Grundlagen, um im religionsbezogenen Unterricht visuelle und interaktive Zugänge zu schaffen. Durch KI-Bilder gewinnen die Teilnehmenden neue Zugänge zu Symbolik, Theodizee und Gottesvorstellungen, während Rollenkarten Dialogkompetenz und Empathie für unterschiedliche religiöse Perspektiven stärken. Diese Ideenimpulse sollen dich ermutigen, die Methoden selbst zu erproben und weiterzuentwickeln. Im digitalen Zeitalter können wir so das gemeinsame Lernen und interkulturelle Verständnis gerade im sensiblen Feld der Religionsbildung bereichern.

Ich freue mich auf deine kreativen Umsetzungen und den Austausch über Erfahrungen, Herausforderungen und Fortschritte in diesem spannenden Feld!Antworte gerne auf diesen Beitrag und kommentiere mit deinen Gedanken und Assoziationen oder poste selbst etwas als Impuls, das andere anregt und weiterverwendet werden darf mit dem Hashtag #relilab.

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