Tja, warum eigentlich? (Hinter-)Gründe meiner Entlassung als Professorin
Die erste und auch naheliegende Frage auf eine Entlassung lautet: Warum? Aus welchem Grund wurden Sie entlassen? Denn es muss ja einen Grund geben. Wenigstens einen! Ich wurde zwar – für mich – aus heiterem Himmel als Professorin entlassen, aber grundlos wird das doch wohl nicht gewesen sein.
Diese Frage ist mehr als berechtigt. Ich habe sie mir selbst sehr intensiv gestellt. Sogar wochen- und monatelang. Im Entlassungs“gespräch“ hatte ich ja nur erfahren, dass ich Mitarbeiter herabwürdigend behandelt haben soll. Was aber bedeutet das konkret? Wann soll das gewesen sein? Wer war davon betroffen? Es hieß ja: „mehrere“. Was soll ich getan haben, dass eine derart vernichtende – und unangekündigte – Sanktion rechtfertigen könnte?
Es war nicht so, dass alles eitel Sonnenschein war. Wer Universitäten kennt, weiß auch, dass es sich prinzipiell um „spannungsgeladene Institutionen“ (Uwe Schimank) handelt. Nichts leichter, als unzufriedene Mitarbeiter oder Studenten zu finden. Und dennoch: Die einzige Situation, die mir damals tatsächlich als sehr schwierig bewusst war, bezog sich auf eine Nachwuchskraft, mit deren Arbeitseinstellung ich nicht einverstanden war und deren Leistung nach meiner Meinung verbesserungswürdig war. Sie lehnte es beispielsweise rundweg ab, Aufgaben in der sogenannten Selbstverwaltung des Instituts zu übernehmen, ja wollte sogar von der Lehre befreit werden. Schließlich würde sie sich ja habilitieren. Mit ihrer vereinbarten Anwesenheit nahm sie es auch nicht so genau.
Etwa in 2017 erfuhr ich über Umwege, dass sie meine Beurteilung ihrer Leistungen Dritten gegenüber als Mobbing bezeichnete, wobei mir nie eine Gelegenheit für eine faire, offene Diskussion der Vorwürfe eingeräumt worden ist. Ich hatte kurz danach eine Mediation angeregt, die vom Rektorat auch bewilligt wurde. Die Mediation scheiterte, teils auf Betreiben Dritter (unter anderen jenes Betriebsratsvorsitzenden, der weiter unten noch eine Rolle spielen wird), teils aufgrund einer unklaren Haltung der Mediatorin.
Ich tappte daher wirklich im Dunkeln, warum ich entlassen worden war. Im Vorfeld hatte es keinerlei Abmahnung, Verwarnung o. ä. gegeben, keine Möglichkeit einer Stellungnahme zu irgendwelchen Vorwürfen, kein** Eintrag in der Personalakte, keine Befassung irgendwelcher Vorwürfe durch die Schiedskommission o. ä. Ich dachte also zunächst, dass sich die Sache schnell als Irrtum herausstellen würde.
Dem war jedoch nicht so. Ganz im Gegenteil. Etwa zwei Wochen nach der fristlosen Entlassung erhielt ich eine Eventualkündigung sowie weitere sechs Wochen später eine Eventualentlassung, verbunden mit einem Haus- und Betretungsverbot. Mein Schock vertiefte sich. Die meinten das wirklich ernst! Doch warum nur?
Dem ersten Schriftsatz der Universität an das Gericht konnte ich dann den Vorwurf entnehmen: Psychische Gewalt, Atmosphäre der Angst, Mobbing. Konkrete Angaben mit „Tat, Ort und Zeit“ wurden jedoch nicht vorgelegt. Letztlich das ganze Gerichtsverfahren hindurch nicht. Dort wurde vor allem über Hörensagen gesprochen. Aber das Gerichtsverfahren ist eine andere Geschichte.
Die dem Gericht vorgelegten Unterlagen zeigen auch, dass der Rektor offenbar bereits ein Jahr vor der tatsächlichen Entlassung entschieden hatte, mich zu entfernen. Aus den Unterlagen geht hervor, dass er den Vorsitzenden des wissenschaftlichen Betriebsrates (der eigentlich ja auch meine Rechte hätte vertreten müssen) im Sommersemester 2017 damit beauftragte, „entsprechende schriftliche Informationen“ über mich zu beschaffen.
Der Betriebsratsvorsitzende nahm den Ermittlungsauftrag ernst und forderte daraufhin gezielt Mitarbeiter auf, ihm Ereignisse, bei denen sie sich über mich geärgert hätten, schriftlich zu übermitteln. Jene Mitarbeiter, die mit meiner Arbeit nicht nur einverstanden waren, sondern diese gerade wegen meines Anspruchs und meiner Art, zu arbeiten, goutierten, wurden nicht gefragt.
Es fehlte jegliches Parteiengehör; ich erhielt keinerlei Möglichkeit zur Ausräumung eventueller Missverständnisse. Die Anschuldigungen wurden mir gegenüber anonym gehalten – auch vor Gericht! Vor Gericht wurde meine Entlassung auch damit begründet, es hätte Beschwerden von Studierenden über mich gegeben. Dies wurde mit zwei anonymen Emails belegt, die das Datum von einigen Tage NACH meiner Entlassung tragen. (Das Gericht störte sich daran nicht. Aber das gehört zu der anderen Geschichte.)
Als konkreter Anlass für die Entlassung diente die Beschwerde einer Doktorandin, die zugleich seit 2012 in einem Forschungsprojekt als sehr enge Projektmitarbeiterin mit mir zusammenarbeitete. Sie hatte sich 2016 auf eine Doktorandenstelle bei mir beworben und war aufgrund meines kriterienbasierten Auswahlverfahrens auf Platz 2 gelandet.
Ich habe mich sowohl in meiner eigenen Arbeit als Wissenschaftlerin als auch in meiner Rolle als Institutsvorständin an internationalen Standards orientiert und halte dies für ein Dienstverhältnis im Rahmen einer Universität nach wie vor auch für selbstverständlich. Meine Kriterien lagen offen, waren ihr auch bekannt und sie war ganz objektiv betrachtet nicht die Nummer Eins.
Sie empfand dies offenbar als ungerecht und als eine Niederlage, die ich ihr zugefügt hätte. Rein objektiv hatte sich nach der Bewerbung nichts geändert, weder an ihrer Stellung im Projekt, noch an unserer intensiven Zusammenarbeit noch an der Betreuung ihrer Dissertation durch mich. Zudem war sie durch ihre Projektarbeit und Lehraufträge finanziell insgesamt bessergestellt als mit einer Universitätsassistenz. Allerdings nahm sie offenbar die weitere Zusammenarbeit als negativ wahr, ohne mir dies jedoch zur Kenntnis zu geben.
Ich habe erst nach meiner Entlassung davon erfahren, dass eine Beschwerde von ihr als Grund für die Entlassung verwendet wurde. Einen ersten Hinweis gab sie mir jedoch selbst (was ich jedoch erst später verstand): Ich hatte sie in den Tagen vor meiner Entlassung und auch unmittelbar danach telefonisch nicht erreicht, was ungewöhnlich war, da gerade eine empirische Phase in unserem Projekt begann. Ich informierte sie also per Mail über meine Entlassung, noch unter dem Eindruck des Schocks. Aus ihrer kalten Antwort schloss ich auf ihre Beteiligung an meiner Entlassung. Sie schrieb: „Danke für die Mitteilung. Ich wünsche Dir alles Gute für Deinen weiteren Lebensweg.“
Jenen Unterlagen im Gerichtsverfahren konnte ich auch entnehmen, dass meine Entlassung den Endpunkt von Aktivitäten einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern darstellte, die seit Beginn meiner Anstellung systematisch versucht hatten, meine Anforderungen nach einem Mindestleistungsniveau als böswillige Überforderung bzw. Diskriminierung/Mobbing darzustellen.
Einer der Beschwerdeführer hatte offenbar „Buch“ über mich geführt. Seit Tag 1 meiner Zeit als Professorin am Institut. Mit allen möglichen Einträgen über mich. Regelmäßig ging er wohl damit zum Betriebsrat und motivierte auch andere, dies zu tun. Mit diesem Buch über mich soll er einige Jahre nach meiner Entlassung stolz und triumphierend über den Campus gegangen sein. Das habe geholfen, mich zur Strecke zu bringen. So wurde es mir erzählt. Ob es stimmt? Ich weiß es nicht. Vorstellen kann ich es mir. Sogar gut. Wer Universitäten kennt, weiß auch … na ja, Sie wissen schon.
Er war einer jener verbeamteten Mitarbeiter, die man an solchen Instituten „erbt“. Einer, der seit mehr als dreißig Jahren am Institut war, sich als „Überlebender“ von „unerträglicher Not“ dort verstand, weil mein Vorgänger seine Habil verhindert habe.
Er war einer von Dreien dieser Art an dem kleinen Institut, dem ich vorstand. Ich versuchte etliche Jahre, jene Mitarbeiter an Bord zu holen, für den Neustart des Instituts zu gewinnen. Es war die letzte Chance des Instituts, das war allen klar. Vor meiner Berufung hatte man sieben Jahre lang über die Schließung gesprochen, wenn die beiden vorherigen Professoren altersbedingt ausscheiden. Gründe für eine Schließung gab es genügend. An erster Stelle: Geringe Sichtbarkeit aufgrund geringen Outputs. Dazu Intrigen, Streit, Unruhe. Man entschied sich, das Institut dennoch fortzuführen, jedoch nur mit einer Professur. Die dann meine wurde.
Allerdings brachte ich vier Handicaps mit: Frau, Deutsche, jünger als die Mitarbeiter, höher qualifiziert als sie. An keinem dieser Handicaps ließ sich etwas ändern.
Zurück zu jenem Mitarbeiter, der seit meinem ersten Tag an der dortigen Universität Buch über mich führte. Im Nachhinein wurde mir klar, dass einige der krass-absurden Situationen, die ich mit ihm erlebte, vermutlich von ihm inszeniert worden waren. Mit dem Ziel, eine tatsächliche unangemessene Reaktion von mir zu erhalten. Ich hatte das damals nicht durchschaut. Unerwarteterweise – für ihn – musste ich oft lachen. Oder suchte einfach nach einer Alternative (ohne ihn), um das Beste aus einer verfahrenen Situation zu machen. Beides passte sicherlich nicht zu dem, was er beabsichtigt hatte.
Eines Tages fragte ich ein Mitglied aus dem damaligen Rektorat, verantwortlich für Personal, um Rat, da es mir nicht gelänge, jene Mitarbeiter an Bord zu bekommen. Er sagte mir in jenem Gespräch, dass er genau wisse, womit ich es zu tun hätte. Dass es derartige „Low- und No-Performer“ wohl an fast jedem Institut der Universität gäbe.
Er habe da eine wirklich gute Idee, wie er fände, mit der er jedoch leider nicht durchkäme. Er wolle ein eigenes Institut gründen, eine Art Bad Bank für Low-/No-Performer der Universität (das Gespräch war irgendwann nach der Bankenkrise). Diese bekämen dort eine schicke Dienstbezeichnung und eine Aufgabe, von deren Erfüllung oder Nicht-Erfüllung nichts abhinge. Da es sich in der Regel um verbeamtete Mitarbeiter handle, bekäme man sie ohnehin nicht los und hätte so immerhin erreicht, dass sie die anderen in den Instituten nicht weiter behindern oder gar lähmen, wie das jetzt der Fall sei.
Ich erzähle das aus meiner Erinnerung, da ich es für bemerkenswert halte, dass mein Gegenüber das in seiner Funktion als Vizerektor für Personal sagte und nicht etwa bei einem Bier in einer informellen Situation. Wobei … ich meine mich zu erinnern, dass er mir einen Schnaps anbot und dabei schon in die untere Schublade seines Schreibtisches griff. Nun ja, vielleicht habe ich die Situation einfach falsch eingeschätzt und es war … informell?
Der gleiche Vizerektor sagte dann vor Gericht aus. Selbstverständlich gegen mich. Und mit …, nun ja, Verbiegung der Tatsachen.
Viele fragten nach meinem ersten Erinnerungsstück vor einigen Tagen: Aus welchem Grund wurden Sie entlassen? – Haben Sie nun eine Idee?
Übrigens: Drei Jahre vor mir, ebenfalls im Mai, im Jahr 2015, wurde schon einmal eine Professorin an dieser Universität fristlos entlassen. Ebenfalls Deutsche. Gleiche Fakultät, der gleiche Rektor und der gleiche Betriebsratsvorsitzende als Akteure. Mit nahezu wortgleichem Vorwurf als Begründung.
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Zuerst veröffentlich auf Linkedin am 11. Mai 2025. Für einen beschränkungs- und zensurfreien Zugang nun auf Pareto.
Die autobiographische Notiz #1 über den Tag der Entlassung finden Sie hier.
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