Brot und Spiele 🍞 ⚽️

WM-Aus war Zufall. Der Termin des Reformpakets war es nicht. Kassenbeiträge so gut wie durch, Attest-Pflicht und Rentenreform in der Pipeline – während alle aufs Turnier starren.
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Ich hab die letzten Tage mal wieder gemerkt, wie gut das System sein Timing kann. Und diesmal betrifft es uns Bitcoiner ziemlich direkt.

Der Hauptpunkt: Die Haltefrist steht zur Disposition

Am 6. Juli 2026 entscheidet das Bundeskabinett über eine Vorlage des Bundesfinanzministeriums, die die einjährige Haltefrist für Kryptowerte abschaffen würde. Bisher gilt: Wer Bitcoin länger als zwölf Monate hält, kann Gewinne beim Verkauf steuerfrei realisieren. Genau diese Regel aus § 23 EStG soll für Kryptowerte gestrichen werden. Stattdessen sollen Bitcoin & Co. den Einkünften aus Kapitalvermögen zugeordnet werden – jeder Verkauf wäre dann steuerpflichtig, komplett unabhängig davon, wie lange man gehalten hat. Die Begründung des Finanzministeriums: Wer mit Kryptowerten Gewinne erzielt, solle “künftig ebenso seinen Beitrag zur Finanzierung des Gemeinwesens” leisten wie Arbeitnehmer oder Aktienbesitzer.

Wichtig, weil im Netz gerade viel durcheinandergeht: Beschlossen ist noch nichts. Es gibt bislang nur die Kabinettsvorlage, keinen fertigen, ausformulierten Gesetzentwurf, und die Koalition ist sich intern nicht mal einig. SPD-Finanzminister Klingbeil treibt das Vorhaben, die Union sieht dafür “keinen Anlass” und verweist darauf, dass es im Koalitionsvertrag keine Grundlage dafür gibt. Selbst der Steuersatz steht noch nicht fest: Die SPD tendiert zur Abgeltungsteuer (rund 25 Prozent plus Soli), die Grünen wollten in ihrem eigenen, gescheiterten Gesetzentwurf den persönlichen Einkommensteuersatz von bis zu 45 Prozent. Beides steht im Raum, nichts ist entschieden.

Bemerkenswert: Im großen Reformpaket vom 2. Juli (Rente, Kassenbeiträge, Krankschreibung, siehe unten) taucht die Krypto-Steuer mit keinem Wort auf – das hat in der Community überrascht. Das Thema läuft komplett separat über den Haushaltsentwurf 2027, mit Kabinettstermin ausgerechnet am 6. Juli. Sollte der Entwurf durchgehen, geht es danach durch den Bundestag, realistisch im Herbst 2026, mit Inkrafttreten frühestens zum 1. Januar 2027. Zeit genug also, um jetzt hinzuschauen, nicht erst wenn es zu spät ist.

Zwei Dinge, die zur Vorsicht mahnen, statt zur Beruhigung: Erstens zeigt das Beispiel Österreich, wie sowas ausgehen kann. Dort wurde die Haltefrist schon 2022 abgeschafft, mit voller Kapitalertragsteuer von 27,5 Prozent unabhängig von der Haltedauer. Die tatsächlichen Steuereinnahmen 2024 lagen bei gerade mal rund 33,8 Millionen Euro – Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth nennt die österreichische Entscheidung rückblickend “eine extrem dumme Entscheidung”, getrieben von Krypto-Steuer-Beratungsfirmen mit Fantasiezahlen. Zweitens: Wer bei der Frage nach Vertrauensschutz auf einen automatischen Bestandsschutz für bereits gehaltene Coins hofft, sollte vorsichtig sein. Nach bisheriger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts begründet die bloße Aussicht, eine noch laufende Haltefrist irgendwann steuerfrei abschließen zu können, keine rechtlich geschützte Position – der Gesetzgeber kann laufende Fristen also durchaus für die Zukunft ändern, auch für Bestände, deren Jahresfrist am Stichtag noch nicht abgelaufen ist. Ob und wie ein Stichtag im finalen Gesetz aussieht, ist offen.

Und nebenbei laufen noch drei weitere Sachen

Als wäre das nicht genug, hat die Koalition am 2. Juli – zwei Tage nach dem WM-Aus gegen Paraguay im Sechzehntelfinale – ihr großes “Programm für Aufschwung und Beschäftigung” verkündet. Auch hier gilt: Das WM-Aus selbst war Zufall, das Timing des Koalitionsausschusses mitten in die laufende Weltmeisterschaft war es nicht.

Kurz zusammengefasst, was da noch mitläuft:

  • Kassenbeiträge: So gut wie durch. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz hatte seine erste Lesung schon am 12. Juni, die finale Verabschiedung ist fĂĽr die Woche vor der Sommerpause geplant. Zusatzbeiträge steigen 2026 im Schnitt auf 2,9 Prozent, die Beitragsbemessungsgrenze 2027 auf ĂĽber 6.000 Euro Bruttomonatseinkommen – der Steuerzahlerbund nennt das offen eine verkappte Steuererhöhung.
  • Krankschreibung ab Tag 1 / Ende der Telefon-AU: Noch reine AnkĂĽndigung, kein Gesetzentwurf. Betrifft aber alle: Attest schon ab Tag eins, keine telefonische Krankschreibung mehr – obwohl die laut Zi-Zahlen nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankheitsfälle ausmachte. Und der Denkfehler dahinter: Ein Arzt schreibt in der Regel nicht nur fĂĽr einen Tag krank, sondern fĂĽr mehrere – aus Vorsicht, nicht aus Bequemlichkeit. Wer bisher einen Tag zuhause geblieben wäre und es sich dann anders ĂĽberlegt hätte, bekommt beim Pflichtbesuch schnell ein Attest fĂĽr drei, vier, fĂĽnf Tage. Aus einem kurzen Fehltag kann so leicht eine ganze Woche werden. Hausärzteverband, KBV, DIW und Gewerkschaften warnen deshalb unisono nicht nur vor mehr BĂĽrokratie und vollen Wartezimmern, sondern auch vor am Ende längeren, nicht kĂĽrzeren Ausfallzeiten.
  • Rentenreform: Minijobs sollen sozialversicherungspflichtig werden, während Hochverdiener ĂĽber 14.700 Euro brutto im Monat eine erleichterte Abfindungsregelung bekommen. Fahrplan steht, Gesetz soll bis Ende 2026.

Drei Baustellen, alle unter derselben Ăśberschrift verpackt, alle in den Wochen der laufenden WM verkĂĽndet oder final gebracht.

Mein Fazit

Ob Deutschland bei der WM gewinnt, verliert oder schon draußen ist, konnte niemand steuern. Dass wichtige Entscheidungen aber ausgerechnet in die Wochen der laufenden Weltmeisterschaft gelegt werden – von der Krypto-Steuer-Kabinettssitzung Anfang Juli bis zum großen Reformpaket vom 2. Juli – das ist Terminplanung, keine Fügung.

Für uns Bitcoiner ist die Haltefrist-Frage die mit Abstand größte Baustelle davon: Sie entscheidet direkt darüber, wie sich Selbstverwahrung und langfristiges Halten künftig steuerlich lohnen. Deshalb lohnt es sich gerade jetzt, nicht nur aufs Turnier zu schauen. Sondern auf die Kabinettssitzung, die in den kommenden Tagen ansteht.

Bleibt wachsam. PrĂĽft selbst, glaubt nicht einfach was euch vorgesetzt wird. #NichtEureSchafe


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