Wer nicht hinsieht, hat es leichter
Es sind nie die großen Dinge, an denen ich es merke. Immer die kleinen.
Ich stehe an der Haltestelle, der Schweiß läuft mir den Rücken runter, und der Bus kommt nicht. Zu heiß, heißt es, die Technik macht nicht mit. Und wenn der Zug dann kommt, ist die Klimaanlage tot. Im Waggon steht die Luft, es stinkt, die Fenster gehen nicht auf, und wir stehen alle dicht an dicht und sagen nichts. Das ist der Moment, der mir eigentlich Angst macht. Nicht dass es nicht funktioniert – sondern dass ich mich dabei ertappe, es gar nicht mehr anders zu erwarten.
In Leipzig ist letztes Wochenende die ganze Straßenbahn stehen geblieben. Es wurde so heiß, dass die Fugenmasse zwischen den Schienen flüssig wurde, in die Weichen lief und dort verklumpte. Das ganze Netz dicht, Tag um Tag verlängert. Ich hab’s gelesen, genickt, weitergescrollt. Hitze eben. Und genau dieses Achselzucken ist mir hinterher erst aufgefallen.
Das Schwimmbad war früher mein sicherer Ort an so einem Tag. Heute zahle ich mehr Eintritt und das Wasser ist kälter, das Sprudelbecken läuft nicht mehr. Ein Absperrband, „wegen Wartung”, seit wann, weiß keiner. Ich zahle mehr und bekomme weniger, und irgendwann habe ich aufgehört, das überhaupt komisch zu finden.
Dann die Schulen. Putz, der von der Decke bröckelt, und Toiletten, in die kein Kind freiwillig geht, weil die Hälfte davon kaputt ist. Wir reden vom Standort der Zukunft, von Bildung, von Fachkräften – und kriegen eine Klospülung nicht repariert. Daneben die Kitas. Es kommen so wenige Kinder zur Welt wie nie, und trotzdem fehlen überall die Plätze. Eltern stehen auf Wartelisten, bevor das Kind überhaupt da ist. Weniger Kinder, weniger Plätze. Und am Ende dieser Rechnung stehen weniger Menschen, die das alles mal tragen sollen.
Womit ich beim Eigentlichen wäre. Die Pflege ächzt, die Kassen sind leer, die Beiträge gehen rauf. Und die Rente? Die Reform ist ja schon unterwegs. Länger arbeiten. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren fällt weg. Und keiner verspricht mir mehr, dass am Ende genug übrig bleibt. Begründet wird das mit der Demografie – also mit genau den Kindern, die nicht geboren werden und für die es gleichzeitig keinen Kitaplatz gibt. Frag mich nicht, wie das zusammenpassen soll. Ich komme da nicht mehr mit.
Und überall wird gebaut. Beziehungsweise eben nicht gebaut. Der Bauzaun steht, das Papier daran ist längst verblasst, nur Menschen, die arbeiten, sehe ich da selten. Fachkräfte fehlen, Material kommt nicht, und über allem schweben die Anträge, die in irgendeinem Amt auf eine Unterschrift warten, die keiner setzt. Ich kenne die Warteschleife mittlerweile auswendig. Und diesen einen Satz: „Da sind wir nicht zuständig.”
Jede dieser Geschichten für sich ist eine Lappalie. Ein ausgefallener Bus, ein kaltes Becken, eine kaputte Toilette, ein fehlender Kitaplatz – genau so soll ich das alles auch sehen. Einzeln. Jedes mit seiner eigenen, völlig harmlosen Erklärung. Pech, Wetter, alte Technik. Nichts, worüber man groß reden müsste.
Und dann hat es bei mir Klick gemacht.
Ich hatte angefangen, mich mit Bitcoin zu beschäftigen. Wegen dieser einen, eigentlich dummen Frage: Was ist Geld überhaupt? Man nennt das das Rabbit Hole, den Kaninchenbau, und ich habe darüber gelacht, bis ich selber drinsteckte. Dann bin ich gefallen. Und von unten sieht die Welt einfach anders aus.
Weil das alles am selben Faden hängt. Am Fiat. An Geld, das irgendwer aus dem Nichts druckt, schneller als ich es jemals verdienen kann, und das mir in der Hand zerrinnt, während ich es noch festhalte. Mein Becken ist nicht kalt, weil kein Geld da wäre. Es ist mehr Geld da als je zuvor – es ist nur nichts mehr wert. Jeder neue Schein, den die da drucken, knabbert an dem, was ich in der Tasche habe. Das ist kein Pech und keine Sparlaune der Stadtwerke, das ist Diebstahl in Zeitlupe. So langsam, dass ich ihn jahrelang für den ganz normalen Lauf der Dinge gehalten habe, verdammt. Der teurere Eintritt, die teurere Kita, die Rente, die später kommt und kleiner wird – das ist nicht zehnmal Pech. Das ist einmal dieselbe Rechnung, mir nur an zehn verschiedenen Schaltern serviert. Und der Apparat, der sie mir präsentiert, wird immer größer, während alles, was er bauen und reparieren soll, zerfällt.
Irgendwann hatte das einen Namen, zumindest in meinem Kopf. Antietatismus. Klingt sperrig, heißt aber nichts anderes, als dem Staat eben nicht mehr blind zu glauben, dass er das schon richten wird. Nicht aus Wut. Eher, weil ich angefangen habe, einfach hinzusehen.
Und das ist das Unangenehme daran: Ich kriege die Tür nicht mehr zu. Ich sehe die Risse jetzt überall. Und ich sehe auch, wie viel Mühe sich jemand gibt, damit ich sie weiter für Zufälle halte. Der heiße Sommer, die alte Technik, der Fachkräftemangel – lauter Gründe, die einzeln sogar stimmen, die zusammen aber ein Bild ergeben, das ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme.
Wer nicht hinsieht, hat es leichter. Das ist keine Schwäche, das ist fast schon klug. Wer nicht zusammenzählt, wer jede Kleinigkeit für sich nimmt und schnell wieder vergisst, der ärgert sich kurz und scrollt weiter. Der hält das für Pech. Der schläft besser.
Und ich? Ich stehe an dieser Haltestelle, vor der keine Bahn mehr kommt, sehe das abgesperrte Becken, die kaputte Toilette, die schlafende Baustelle – und ich zähle zusammen. Nicht weil ich klüger wäre als irgendwer. Sondern weil ich einmal durch diese Tür gegangen bin und sie jetzt nicht mehr zubekomme.
Wer nicht hinsieht, hat es leichter. Schon möglich. Aber ich kann es nicht mehr – und ehrlich gesagt: zurück will ich auch nicht.
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