Freie Medienakademie XXII

Wochenbericht: 28. März bis 3. April. Mit Fußball von vorgestern, einer Rarität und einem Osterei.
Freie Medienakademie XXII

Montag waren wir im Kino. „Ein Sommer in Italien – WM 1990“. Ein kleiner Saal in Cham, fast voll mit ein paar Vätern (oder Trainern) und ihren Kindern, einige noch viel zu klein für den alten Lothar und den kaum jüngeren Klinsmann, für den spuckende Frank Rijkaard und einen Rudi, der dreieinhalb Jahrzehnte später weiß, dass der Täter auf lange Sicht viel mehr gelitten hat als er, das Opfer.

Also: eigentlich ein schöner Film. Nostalgisch, angemessen voyeuristisch (Privatfilme von Bodo Illgner und Torwarttrainer Sepp Maier) und sogar ein wenig sentimental, als Matthäus über Andi Brehme spricht, den Zimmergenossen, den Eisvogel, seinen Vertrauensmann auf dem Platz, mit dem er sich nun nie mehr wird austauschen können. Von den Überlebenden kommt jeder ausführlich zu Wort – bis auf Jürgen Kohler (selbst das Foul an Marco van Basten fehlt und damit auch das Anschlusstor der Holländer) und bis auf Thomas Berthold, der (anders als Kohler) bei der 1990er WM in jedem deutschen Spiel auf dem Platz stand, als Fifa-Legende 2018 in Russland war und 2022 in Katar, aber (auch das unterscheidet ihn von Kohler, der im November 2021 vom DFB forderte, nur noch „durchgeimpfte Spieler“ zu nominieren) zu einem der Gesichter der Kritik an der Coronapolitik wurde und deshalb all seine Medienjobs als Experte und Co-Kommentator verlor. Sechsstellig, hat Thomas mir im Juni 2023 gesagt, als ich ihn im Apolut-Studio nach den finanziellen Verlusten gefragt habe.

Nach dem Geld verliert dieser großartige Sportler nun seinen Platz in der Geschichte und im kollektiven Fußballgedächtnis der Deutschen. So eine Doku, bezahlt von etlichen Filmförderern und mithin aus Steuergeldern, ersetzt irgendwann die Originalbilder – nicht nur bei den Kids in Cham. Thomas Berthold sieht immer noch gut aus (auch darum ging es in unserem Gespräch), kann reden wie gedruckt und ist so eigentlich ein Muss für jeden, der eine Doku dreht und dafür Esprit und Pfeffer braucht. Jetzt wissen wir, dass dieses Land nicht mal einem Weltmeister verzeiht, dass er ab 2020 dagegen war.

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Texte

Kultur von unten. Auch Michael Sailer, Autor aus München, ist nicht mehr da, wo er vor Corona war. In diesem Text sucht er etwas, was es vielleicht nie gegeben hat.

Die Querfront als Falle. Ein Essay zum Diskutieren. Ulrich Gausmann sagt: Vergesst nicht, wem die Dinge gehören, und haltet euch fern von denen, die nichts davon wissen wollen. Wer das anders sieht: Wir freuen uns über Textangebote.

Vollkaskomentalität. Kleinkinder mit Sicherheitsgurt auf dem Dreirad – für Felix Feistel Anlass für einen Kommentar zum „Sicherheitsfetisch“ der Deutschen.

Ruhestand. Auf den Tag genau 24 Jahre nach der Berufung endet mein Dasein als Universitätsprofessor an der LMU München. Ein paar Gedanken zur Versetzung.  

Bis der Mörtel kommt. Buchtipp für die Ostertage. Diese 80 Seiten haben es in sich, sagt Sabine Keuschen über den Bericht von Stefanie Sargnagel, die 2024 auf dem „Opernball“ war.

Ostern + Kontowechsel. Drei Neuigkeiten aus der freien Medienakademie (die treue Abonnenten schon kennen) und eine kurze Pause. Deshalb kommt auch der nächste Newsletter erst in zwei Wochen.

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Videos

Eine absolute Seltenheit: Henning Rosenbusch vor der Kamera – live und in Farbe. Wir haben ihn in seinem Exil besucht und einen Film mitgebracht, in dem er über sein Medienleben spricht und über den Journalismus von heute. Wer nur ein Best-of möchte: Es gibt zwei Shorts über Medienqualität und Freiheit.

Kurse

Eigentlich müssten wir hier für den Kompaktkurs Journalismus werben und für das Seminar „Intellektuelle Selbstverteidigung“, beide im Mai und beide voll. Die gute Nachricht findet sich oben unter dem Link „Ostern + Kontowechsel“. Was dort nicht steht: Im Herbst gibt es einen weiteren Praxiskurs:

24. bis 27. September: Interview

Außerdem jederzeit (wochentags, Anfragen per Mail): Still bleiben, dagegenhalten, weglaufen? Wie wir im Gespräch bleiben

Sonstiges

Wenn die Waffen sprechen: Die Rezension des gleichnamigen Buchs, bei uns erschienen Ende Februar, kam nun auch für die Abonnenten der Friedenstaube von Milosz Matuschek frei Haus. 

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