Geimpfte leben kürzer

Der Arzt und Historiker Gerd Reuther geht in seinem neuen Buch 300 Jahre zurück, um eine der wichtigsten Erzählungen der Medizin zu widerlegen.
Geimpfte leben kürzer

Gerd Reuther zu lesen, heißt: sich anschnallen, festhalten – und trotzdem wissen, dass man nicht heil herauskommt aus dieser Achterbahnfahrt. Ich hatte das Glück, ihn zweimal interviewen zu dürfen. Beim ersten Mal im Herbst 2023 saß ich in Schweden und Reuther daheim in Thüringen. Eigentlich sollte es um das Buch Hauptsache Panik gehen, geschrieben unter dem Eindruck von Corona, in dem Gerd und seine Frau Renate Reuther zeigen, dass alles schon da war. Pest und Cholera, Typhus und Lepra: Pandemien wurden schon immer benutzt, um Bevölkerungen zu kontrollieren und zu verkleinern, um Reichtum neu zu verteilen und Gesellschaften umzubauen.

Um diese Reise in die Abgründe der Medizingeschichte vorzubereiten, hatte ich (fast) alles gelesen, was von Gerd Reuther bis dahin gedruckt worden war. Natürlich Der betrogene Patient, den Bestseller von 2019, aber auch Heilung Nebensache oder den wunderbaren Ratgeber Die Kunst, möglichst lange zu leben, in dem Reuther auf den Spuren von Christoph Wilhelm Hufeland wandelt und mir, dem Leser, hinterher gar nicht lange erklären musste, warum er nicht für ein Interview über die Ostsee fliegt. Viel zu gefährlich, Herr Meyen. Schauen Sie in die Statistiken. Daheimbleiben und das essen, was vor der Haustür wächst. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, richtig alt zu werden.

Für das zweite Interview sind die Reuthers dann trotzdem zu mir in den Bayerischen Wald gekommen. Thema im September 2025: der Tatort Vergangenheit – ein Aufreger selbst für nicht wenige von denen, die dem Aufklärer und Kritiker Gerd Reuther bis dahin gehuldigt und aus der Hand gegessen hatten. Die Antike, die Römer in Köln und in Regensburg, der Teutoburger Wald: All das sitzt so fest im Wissensschatz des Bildungsbürgertums und damit in seiner Identität, dass es schwerfällt, davon zu lassen und die Fragezeichen zu akzeptieren, die beim genauen Hinsehen schnell aufploppen. So oder so: Wir hatten ein volles Haus und ein Video, das selbst das Gespräch mit Jürgen Fliege, immer noch ein Quotengarant, im Reichweitenranking um Längen hinter sich ließ.

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In der Publikumsrunde nach unserem Waldgespräch wurde Gerd Reuther, die Kameras waren längst aus, nicht nur nach den alten Griechen gefragt und nach den Jahrhunderten, die uns die Geschichtsschreiber und ihre Auftraggeber möglicherweise untergejubelt haben, sondern auch nach dem Impfen. Wie sollte es auch anders sein, wenn ein habilitierter Arzt auf dem Podium sitzt, der an drei Kliniken Chefarzt war, bevor er mit 55 in den Ruhestand ging und den weißen Kittel eintauschte gegen Tastatur und Mikrofon, um zu informieren über einen Berufsstand, den er kennt wie seine Westentasche. Also Hand aufs Herz, Herr Reuther, was halten Sie von der Idee, Krankheitsprozesse zu simulieren und uns so vor Tod und Verderben zu schützen?

Die kurze Antwort: gar nichts. Die lange hat (mit Fußnoten) gut 250 Seiten und lässt nichts aus. Pocken, Kirchenkonzern und Geheimdienste, Attentate auf „eigenmächtige Führungspersönlichkeiten und deren Angehörige“, biologische Kriegsführung und Bevölkerungsreduktion, Louis Pasteur, Robert Koch und Paul Ehrlich, Rockefeller, die Spanische Grippe („ein vertuschtes Impfdesaster“) und Aluminium als „Wirkstoffverstärker“. Selbst meine Illusion, in der DDR sei ich vor der Gier der Konzerne einigermaßen sicher gewesen und damit auch vor der Gefahr, Stoffe zu bekommen, die nicht ausreichend getestet oder verschmutzt sind, lässt Gerd Reuther wie eine Seifenblase platzen. Wieder in Kurzform: Jede Impfung kann schaden. Das Problem ist nicht die Gesellschaftsordnung, sondern eine Theorie, die behauptet, mit Sekreten oder Kunstprodukten natürliche Krankheitsprozesse simulieren zu können und uns so auf ewig oder wenigstens auf Zeit zu schützen. Die „Schlüsselfrage“ im O-Ton von Gerd Reuther:

Wieso soll unser Immunsystem überhaupt ein „Training“ über das alltägliche Bombardement mit Mikroben und Toxinen hinaus benötigen? Müsste man zur Krankheitsprävention nicht die Lebensbedingungen verbessern, anstatt sich auf die Abwehr einzelner Mikroorganismen zu konzentrieren? Infektionskrankheiten und deren Schwere hängen schließlich maßgeblich mit Ernährungslage, Hygiene und Wohlstand zusammen. (Seite 12)

Warum, so lässt sich weiter fragen, fallen die Menschen dann seit 300 Jahren auf eine Erzählung rein, die ganz offensichtlich auf Sand gebaut ist? Noch einmal eine kurze Antwort: Angst und eine Propaganda, die anknüpfen kann an den „tief verwurzelten“ Glauben, das „niedrig dosierte Gifte“ helfen könnte; dazu Geschäftsinteressen und staatlicher Zwang. Egal ob Pocken, Tollwut und „Polio“ (Kinderlähmung), Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten oder dann „Covid-19“: Mit all diesen Krankheitsbildern war und ist ein Scheckgespenst verbunden. Wer mag schon Narben für immer oder gar einen qualvollen Tod? Also ließen sich Gesunde krank machen (oft sogar freiwillig), obwohl bei keinem der Impfstoffe nachgewiesen wurde, dass sie tatsächlich wirken, und obwohl Augenschein und Statistiken häufig sogar das Gegenteil belegen. Wo geimpft wird, ist man öfter und länger in der Klinik und stirbt früher.

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Da ich eine Achterbahnfahrt versprochen habe: Bei Gerd Reuther wird die Kritik am Impfprinzip zu einer Machtkritik, die keine Tabus kennt. Kostprobe eins: Viren, sagt er, werden gebraucht, um Krankheitsursachen zu verschleiern (etwa: Industriegifte) und so die Verantwortlichen zu schützen vor der Wut der Geschädigten. „Polio“ und „Zika“, „Alaskapocken“, „FSME“ und „Ebola“:

Eine Umdeutung unspezifischer Krankheitssymptome zu eigenen virusbedingten Krankheiten ist inzwischen fester Bestandteil des Geschäftsmodells. (Seite 209)

Und Kostprobe zwei: die Angst der Oberschicht vor zu vielen Menschen. Was früher Seuchen waren oder Kriege mit offenen Feldschlachten, die militärisch überhaupt keinen Sinn machten, könnte heute „unter dem Deckmantel“ Gesundheitsschutz abgelöst worden sein durch Impfungen (Seite 190). Wer es eine Nummer kleiner mag:

Der Albtraum der Pharmaindustrie ist ein gesunder Mensch. Nichts ist so einträglich wie chronische Krankheiten und Krebs. (Seite 191)

Sie sehen: Es wird Zeit für ein drittes Interview mit Gerd Reuther. Als ich diese Zeilen schreibe, liegt schon sein nächstes Buch im Briefkasten: Wer zweifelt, hat schon gewonnen – diesmal wieder ein Gemeinschaftswerk mit seiner Frau Renate.

Gerd Reuther: Riskanter Schutz. 300 Jahre Immunisierungsversuche. Leipzig: Engelsdorfer Verlag 2026, 256 Seiten, 24 Euro.

 

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Titelbild: Erster Stich im Covid-19-Impfzentrum in der Kölnmesse im Februar 2021 (Elisabeth Steubesand, mit 105 älteste Kölnerin, und Dr. Jürgen Zastrow, Titelfoto: © Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0)


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