Der Todeskult

Mit aggressiver Propaganda und einem ruinösen Maßnahmenpaket wird Deutschland in einen Militärstaat umgestaltet – (Teil2/2). Von Roland Rottenfußer.
Der Todeskult

Autor: Roland Rottenfußer. Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben. Sie finden alle Texte der Friedenstaube und weitere Texte zum Thema Frieden hier.  Die neuesten Pareto-Artikel finden Sie auch in unserem Telegram-Kanal.


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Dieser Artikel erschien zuerst auf Manova.
Das ist der zweite Teil dieses Artikels. Lesen Sie hier Teil 1.


Pflugscharen zu Schwertern

Also muss man den bedauernswerten Kontinent olivgrün ankleiden. So forderte Weber auch eine Umstellung des Landes auf Kriegswirtschaft. Laut Rheinische Post meinte Weber damit „beschleunigte Genehmigungsverfahren bei Rüstungsgütern und mehr Zusammenarbeit zwischen den europäischen Rüstungsherstellern“. Kriegswirtschaft könne aber auch bedeuten, „dass die Rüstungshersteller künftig am Wochenende im Schichtsystem arbeiten und Unternehmen, die bisher Industriegüter für zivile Zwecke hergestellt haben, künftig Waffen produzieren werden“. Konkret könnten schon bald Panzer gebaut werden, wo bisher Autos vom Band liefen.

Pflugscharen zu Schwertern könnte man diese Absicht auch zusammenfassen. Dann wäre der Tod wieder ein „Meister aus Deutschland“, wie es Paul Celan in seinem Gedicht „Todesfuge“ von 1944/45 suggestiv beschrieb.

Möglichst noch am Wochenende und im Schichtdienst sollen Malocher, die bisher Familienkutschen gebaut haben, jetzt Panzer für die Ostfront zusammenschrauben. Als gäbe es nicht andere gesellschaftliche Bereiche – etwa das Gesundheitswesen –, die dringend mehr Geld sowie mehr Personal bräuchten? Branchen, die Leben retten, die helfen und heilen können vor dem Hintergrund des herrschenden Zeitgeists nicht mit jenen konkurrieren, die töten und zerstören.

Das Gesundheitswesen – fit für den Ansturm der Schwerverletzten?

Auch das Gesundheitswesen muss sich selbstverständlich militärischen Zwecken unterordnen. So sagte René Burfeindt vom Deutschen Roten Kreuz gegenüber dem Münchner Merkur:

„Für einen ausgeweiteten bewaffneten Konflikt sind wir nicht ausreichend aufgestellt.“

Mit anderen Worten: Es müssen Kriegslazarette errichtet und entsprechendes Personal ausgebildet werden, das unter anderem seine Amputationstechniken perfektionieren müsste. Es wird eine Schwemme schwerverletzter Soldaten geben – und das in einem Gesundheitssystem, das schon jetzt nur noch mehr schlecht als recht funktioniert.

Ist überhaupt das Netzwerk psychologischer Betreuungsangebote für Traumatisierte bereits kriegstüchtig? Und ist die deutsche Begräbnisindustrie auf derart viele Leichen vorbereitet?

Gibt es genügend Särge und großflächige Deutschland-Fahnen, die bei der Rückführung toter Soldaten in die Heimat über diese gebreitet werden könnten? Haben deutsche Politiker die Phrasen schon einstudiert, mit denen sie bei den anstehenden Massenbegräbnissen über die neuen Helden schwadronieren werden, die für „unser Land“ und „unsere Demokratie“‘ gestorben sind?

Töten lernt man durch töten

Natürlich können Zahlen, die nur die Summe aller Rüstungsausgaben eines Landes beziffern, einen falschen Eindruck erwecken. Es könnte ja sein, dass wir viel Geld irgendwo reinstecken, ohne beim Töten wirklich effizient zu sein. Vielleicht fehlt es den verweichlichten Deutschen einfach nach Jahrzehnten der Erschlaffung an der nötigen Kampfmoral und an Übung. Die Sache mit der Übung könnte man allerdings nachholen. Es bräuchte schon deswegen einen neuen Krieg, damit das Praxisdefizit der Deutschen ausglichen werden kann. Ohne den Faktor „Learning by Doing“ gingen unsere Jungs und Mädels ja völlig unvorbereitet in alle weiteren Kriege.

Boris Pistorius beschwor in seiner Bundestagsrede erneut die „Zeitenwende“ – sodass man sich nicht wundern würde, wenn sich die Berechnung künftiger Jahreszahlen nach ihm anstatt nach Jesus Christus richtete. „Wir schreiben das Jahr 1 nach Pistorius.“ „Ich bin mir bewusst: Unser heutiger Vorschlag hat eine Tragweite, die weit hinausgeht über die bisherige Zeitenwende“, so seine Predigt im Bundestag. „Die Zeitenwende war der Wendepunkt hin zu einer neuen Epoche; denn vor der stehen wir jetzt.“ Wenn Politiker von neuen Epochen sprechen, die durch ihr segensreiches Wirken eingeläutet werden, können wir immer davon ausgehen, dass eine auf katastrophale Weise schlimmere Zeit auf uns zukommt.

Ungebremst in den Untergang

So rast Schuldendeutschland wie ein Auto, bei dem man die Bremsen ausgebaut hat, in Richtung Abgrund. Der Kriegsminister versuchte nicht einmal, seine wahren Absichten sorgfältig zu verschleiern.

„Damit schaffen wir mehr Flexibilität und mehr Planungssicherheit, die wir und auch die Rüstungsindustrie dringend brauchen. Unsere Sicherheit darf nicht durch haushaltspolitische Zwänge gefährdet werden. Wir müssen weg vom fiskalisch Machbaren hin zu verteidigungsbereiten Streitkräften, für das Hier und Jetzt und für morgen. Damit gilt zukünftig für unsere Sicherheitsvorsorge ein einfacher Satz: Bedrohungslage steht vor Kassenlage.“

Wer würde schon einen notwendigen Einkaufsbummel mit der fadenscheinigen Begründung unterlassen, dass dafür kein Geld da ist? Nicht der Wunsch der Menschen nach Frieden und Wohlstand zählt also, sondern die „Planungssicherheit“ für die Rüstungsindustrie. Die wollen ja in den nächsten Jahren nicht nur wahrscheinlich, sondern mit planbarer Gewissheit Rekordgewinne einfahren. Selbst das Kriterium der „Machbarkeit“, das politische Entscheidungen normalerweise unweigerlich an das Realitätsprinzip bindet, wird über den Haufen geworfen. Bezahlbar? Unbezahlbar? Vernachlässigbar!

„Wenn ich Putin wäre …“

Sigmar Gabriel, Vorsitzender der Atlantikbrücke und Alt-SPD-Vorsitzender, sprach am 15. März 2025 die visionären Worte:

„Wie ich gehört habe, ist die Europäische Union der Meinung, im Jahre 2030 drohe ein kriegerischer Konflikt mit Russland, und deshalb wolle man sich darauf vorbereiten. Ich weiß nicht, warum wir solche Debatten führen. Ich finde es ja richtig, dass wir das machen. Aber wenn ich Putin wäre, würde ich schon 2028 kommen.“

Wie gut, dass er nicht Putin ist.

Die etablierte politische Landschaft ist nicht nur verliebt in Sprengstoff, die Anzahl ihrer martialischen Ergüsse würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen.

Bei allem, was mit Zerstören, Verstümmeln und Töten zusammenhängt, tritt in die Augen unserer Politiker nicht selten ein einfältiger Glanz – nicht unähnlich der Ausstrahlung von Kindern, die das, was sie sich schon so lange gewünscht haben, unversehens unter dem Weihnachtsbaum vorfinden.


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Gegen eine „Kultur der Zögerlichkeit“

Friedrich Merz etwa will die deutschen Lehranstalten künftig gänzlich den Werbeträgern des Sterbens ausliefern. Er forderte, die Bundeswehr brauche „ungehinderten Zugang zu Schulen“. Und er klagte mit Blick auf die Universitäten, dass „Militärklauseln“ bisher noch die militärische Forschung verhindert hätten. Das sei nicht mehr zeitgemäß, so Friedrich Merz. Die Hochschulen sollen sich demnach – wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft – mit einer dienenden Rolle mit Blick auf die Wehrertüchtigung begnügen. Nicht „Alles für Deutschland“, wie es Björn Höcke gesagt hatte, aber „Alles für das Militär“.

CDU-„Wehrexperte“ Roderich Kiesewetter stieß in der Welt angesichts der bisher mangelnden Kriegsbegeisterung der Deutschen Klagelaute aus:

„Wir haben eher eine Kultur der Zögerlichkeit, aber nicht des Engagements, des Mitmachens, der Anstrengungskultur. Und eine sicherheitsstrategische Kultur, die wir brauchen, muss sich auch auf eine leistungsfähige Bundeswehr, die voll finanziert ist, abstützen.“

Wieder wird hier auch das Narrativ bemüht, junge Menschen könnten beim Militär lernen, sich anzustrengen und in die Gesellschaft einzubringen – als ginge das in der Arbeit mit Behinderten, in der Tierpflege oder in einem Blumenladen nicht.

Sterben für Friedrich, Lars und Boris

Der Moderator der hier zitierten Sendung bei Welt TV träufelte indes einen Wermutstropfen in den berauschenden Wein der Kriegsbegeisterung. Die Bewerberzahlen bei der Bundeswehr seien rückläufig – und das trotz Jahre der Imagepflege der Art „Du bringst eine Armee von A nach B. Weil du es kannst“. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass Bundeswehr mittlerweile nicht nur – wie üblich – demütigend ist, sondern angesichts des Kriegsgeklirrs deutscher Staatenlenker zudem lebensgefährlich. „Von A nach B“ geht man nicht so gern, wenn am Ort „B“ der Tod wartet. Sterben für Friedrich, Lars und Boris – viele Jugendliche sagen da: „Kein Bock!“

Da muss die Begeisterung für die Truppe schon inszeniert werden, wie im Fall eines Vorzeigejünglings, der im Interview sagte: „Ich denk, die Bundeswehr ist ein guter Arbeitgeber. Ich denk, die können da Werbung für machen.“ Gemeint war: in der Schule. Vielleicht lässt sich mit Milliardensummen für Militärpropaganda auch wieder eine Kriegseuphorie erzeugen, wie sie Ernst Jünger 2020 in „Das Stahlgewitter“ im Rückblick auf den Ersten Weltkrieg beschrieb:

„Der Krieg musste es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen.“

Der letzte Sommer im Frieden

Der Historiker Sönke Neitzel sah die jetzt herannahenden Monate bereits als „der letzte Sommer, den wir noch im Frieden erleben“. Auf wie viele Kriegsjahre sollen wir uns dann ab 2026 einstellen? Sechs wie im Zweiten Weltkrieg? Oder vielleicht 30? Natürlich kann man in einer spannungsgeladenen Welt, die bevölkert ist von einer ganzen Reihe wahnwitziger „Führungspersönlichkeiten“, keine noch so schlimme Entwicklung ausschließen. Dennoch sieht man an einer solchen Äußerung, wie sehr sich das herrschende Narrativ bereits von der Realität emanzipiert hat. Putin scheint mit dem Vergehen von Zeit immer gefährlicher zu werden, ohne dass er Europa etwas angetan hätte und obwohl die Dynamik unter Donald Trump wahrscheinlich eher auf ein Ende des Krieges zuläuft.

Je brutaler eine Forderung, desto penetranter und unduldsamer wird sie den Menschen aufgedrängt. Was sich nicht von selbst erklärt, weil es den natürlichen Regungen der Lebensbejahung widerspricht, braucht spezielle rhetorische Mittel, um sich durchzusetzen. Dazu gehören: unzählige Sprecher, die die Menschen mit identischen Aussagen überfluten, andauernde Wiederholungen, Ausblenden der Gegenargumente, Delegitimierung von Gegnern … Hinzu kommt jene flammende Vehemenz, von der die Propagandisten des Falschen immer wieder ergriffen werden und mit der sie Widerstrebende ins Unrecht zu setzen versuchen.

Gläubige des „Kults“ verhalten sich ja gerade deshalb besonders fanatisch, weil sie gegenläufige Impulse der Vernunft und Menschlichkeit krampfhaft in sich niederzukämpfen versuchen.

Eines ist klar: Obwohl man für die kriegerische Vergröberung des öffentlichen Diskurses sicher auch „den Kapitalismus“ und kühl berechnende Politiker mit ausgeprägten Machtinteressen verantwortlich machen kann, hat das ganze doch einen Zug hysterischer Irrationalität. Mit der dunklen Seite von Religionen hat dieser Todeskult gemeinsam, dass er glutäugigen Glaubensfuror auf eher dünner Faktenbasis zelebriert, „Ketzer“ verbal verbrennt und die Gemeinde der Rechtgläubigen mittels sich wiederholender Litaneien krampfhaft auf Linie zu halten versucht.

Keiner will es – wir machen’s trotzdem

„Keiner von uns will Krieg – aber wir müssen uns jetzt darauf einstellen“, heißt es auf dem Titelblatt einer Ausgabe des Stern. Demokratie hieße demnach, dass selbst etwas, was „niemand“ will, eine rätsel- und schicksalhafte Notwendigkeit besitzen kann, welche nur die mit höherer Einsicht begabten Spitzenpolitiker zu begreifen vermögen. Natürlich steht hinter dem Satz des Stern die Idee, dass Wladimir Putin uns den Krieg einfach aufzwingen könnte. Aber auch das Verhältnis zu Russland ist kein unabwendbares Verhängnis, es ist politisch und diplomatisch gestaltbar. Wenn jedoch von europäischer Seite immer und überall das Falsche unternommen wird, könnte das Gerede vom „notwendigen“ Krieg zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden.

Noch ist es mit der Kriegstüchtigkeit der deutschen Seele – im Gegensatz zu früheren, heroischeren Zeiten – nicht so weit her. Aber was nicht passt, wird passend gemacht.

Wie sollen die Widerstrebenden, die – wie es Reinhard Mey ausdrückte – „aufs Sterben gar nicht so erpicht“ sind, an die Front getrieben werden? Will Friedrich Merz etwa als „Soldatenkönig“ in die Geschichte eingehen und junge Deutsche mit ähnlich brachialen Mitteln rekrutieren wie sein Vorläufer Friedrich Wilhelm I. von Preußen? Der „rief“ junge Männer mit Gewalt zur Fahne. Trupps machten Jagd auf Wehrfähige, sodass nicht wenige die Flucht ins Ausland ergriffen. Auch dort wurden sie jedoch verfolgt oder bei Rückkehr in die Heimat sogleich arretiert. Solche Geflüchtete sollten, wie es in einem Erlass von 1713 hieß, „als Deserteurs von gedachter Militz an Leib und Leben gestraffet werden“. (Rechtschreibung hier unverändert aus dem Original übernommen.) Werden junge Deutsche künftig wieder bestraft oder sogar getötet für die Todsünde des Nicht-Tötens?

„Wofür marschieren sie?“

Zu viele reden heute wieder vom Krieg, ohne ihn sich auch nur annähernd vorstellen zu können. Krieg – das heißt Schreie, Blut, Gestank, Zerstörung und unfassbares Leid. In dem Antikriegslied „The Band played Waltzing Matilda“ der Gruppe „Dubliners“ wird drastisch und ungeschönt über australische Kriegsveteranen gesungen, die 1915 auf einem fernen Kriegsschauplatz in der Türkei verheizt wurden:

„Sie sammelten die Verwundeten, die Verkrüppelten, die Verstümmelten auf,
Und sie schickten uns zurück nach Australien.
Die Armlosen, die Beinlosen, die Blinden und die Verrückten,
Diese stolzen verwundeten Helden von Suvla [Bucht in Gallipoli, Türkei].
Und als das Schiff am Circular Quay [Landungsplatz in Sidney] anlegte,
schaute ich auf die Stelle herunter, wo früher meine Beine gewesen waren.
Und Gott sei Dank wartete dort niemand auf mich,
um zu trauern und mich zu bemitleiden.“

Vielleicht sollten wir rechtzeitig, bevor es zu spät ist, die Frage stellen, die ein junger Mensch im Lied angesichts dieser verkrüppelten Veteranen stellt:

„Wofür marschierten sie?“


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