Was Tainter nicht sehen wollte

Rom ist nicht an “Komplexität” gestorben, sondern am Staat

In The Collapse of Complex Societies macht Joseph Tainter das Römische Reich zu seinem Paradebeispiel. Seine These: Rom ist nicht an “Barbaren” oder an Bleivergiftung zugrunde gegangen, sondern an einem ökonomischen Problem, das irgendwann keine Lösung mehr zuliess.

Um das zu belegen, zitiert Tainter eine ganze Reihe von Historikern. A.H.M. Jones zeigt, wie die Bürokratie immer weiter wuchs, selbst als die produktiven Kapazitäten des Reiches bereits zurückgingen. Mikhail Rostovtzeff beschreibt eine zunehmend zentralisierte Ordnung, in der die ländliche Bevölkerung immer stärker zugunsten der städtischen und römischen Bürokratie ausgenommen wurde. A.E.R. Boak stellt fest, dass es schlicht nicht mehr genügend Menschen gab, um die Bedürfnisse des Staates zu befriedigen. Und Santo Mazzarino wird herangezogen, um zu zeigen, wie Rom sich selbst zunehmend als sterbende Gesellschaft wahrnahm.

Man muss an dieser Stelle nur ein einziges Wort austauschen, und die ganze Analyse wird plötzlich sehr viel klarer: überall dort, wo “Gesellschaft” steht, setze man “Staat” ein. Nicht “die Gesellschaft” schafft immer mehr Bürokratie, die irgendwann die gesamte Wirtschaft lähmt – eine ganz spezifische Institution tut das: der Staat. Er schafft immer mehr Bürokratie, bis diese am Ende alles lähmt. Die Kosten, um seine eigenen Strukturen aufrechtzuerhalten, steigen dabei exponentiell. Wenn Unternehmen zu “komplex” werden und nicht mehr wirtschaftlich agieren können, gehen sie pleite. Es gibt nur eine einzige Institution, die immer weiter Leute unwirtschaftlich anstellen kann, ohne daran zugrunde zu gehen: der Staat.

Tainter schreibt: “The society {gets} so ‘taxed out’ by its own complexity.” Treffender könnte man am eigentlichen Ziel kaum vorbeischiessen. Wir befinden uns heute bei einer Gesamtbesteuerung von etwa 50 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung – ist es nicht naheliegend, dass es die tatsächliche Besteuerung ist, die diese Lähmung herbeiführt, und nicht ein derart abstraktes Konzept wie “Komplexität”?

An anderer Stelle schreibt Tainter: “He establishes that complexity is not a natural state; it requires constant energy to maintain.” Auch hier liegt die eigentliche Wahrheit näher, als er selbst zuzugeben bereit ist: Der Staat ist kein natürliches Konstrukt. Es braucht konstante Energie – fremde Energie, von aussen zugeführt –, um ihn aufrechtzuerhalten.

Tainter geht davon aus, dass weder Ressourcenverbrauch noch Naturkatastrophen, Vandalen oder moralischer Verfall die eigentlichen Ursachen des Zusammenbruchs waren, sondern lediglich dessen Folgen. Darin stimme ich ihm vollkommen zu. Der eigentliche Auslöser war die massive Geldentwertung und der damit einhergehende Raub der gesamten Bevölkerung zugunsten einer immer grösseren und immer schwerfälligeren zentralisierten Bürokratie – in Rom ebenso wie heute in Washington, Paris oder Berlin.

Tainter zitiert in seinem Werk sogar selbst die Geschichte dieser Geldentwertung: Zu Beginn des Römischen Reiches, unter Augustus, bestand eine Silbermünze im Grunde tatsächlich fast vollständig aus Silber. Zur Mitte des dritten Jahrhunderts lag der Silbergehalt nur noch bei 0,02 Prozent.

Genau dasselbe Phänomen lässt sich heute beobachten. “Dollar” und “Pfund” waren ursprünglich schlicht Gewichtsbezeichnungen für Gold – ein Pfund entsprach einem Pfund Gold. Heute entspricht ein Dollar noch etwa 0,006 “Dollar” Gold, ein Pfund noch etwa 0,008 “Pfund” Gold. Und was geschieht mit dem Geld, das der Wirtschaft auf diese Weise entzogen wird? Es fliesst in den Aufbau immer neuer, mehr oder weniger direkt staatlicher Institutionen. Dazu zählen neben den Politikern selbst auch die Polizei, grosse Teile der Wissenschaft – die fast ausschliesslich von öffentlichen Geldern lebt –, die Justiz und, ironischerweise, auch NGOs, die de facto ebenfalls staatliche Institutionen sind.

Es ist bezeichnend, dass “Wissenschaftler” überall mysteriöse und mehrdeutige Gründe dafür finden, warum unsere Gesellschaften den Bach hinuntergehen, aber so gut wie nie die Quelle ihres eigenen Einkommens infrage stellen. Vielleicht liegen öffentliche Gelder eben nicht so sehr im “öffentlichen” Interesse, wie ihre Verteiler es gerne behaupten.

Tainter beschreibt selbst, wie stark die Besteuerung der Bauern für diese eine Last war – so sehr, dass der Zusammenbruch des Römischen Reiches für die arbeitende Bevölkerung am Ende sogar eine Erleichterung darstellte. Es fällt mir an dieser Stelle schwer, nicht den naheliegenden Bogen zu einer Kritik des Staates zu schlagen, statt stattdessen, wie Tainter, eine allgemeine Theorie gesellschaftlicher Komplexität daraus zu konstruieren.

Am deutlichsten wird der Unterschied unserer Positionen wohl in diesem Satz: “Debasement was not a cause of the collapse… it was a way of financing the increased complexity that the Empire’s problems demanded.” Dem widerspreche ich entschieden. Richtiger wäre: Monetäre Entwertung ist ein Mittel, unwirtschaftliche Organisationen mithilfe krimineller Methoden künstlich am Leben zu erhalten.

Ich halte Tainters Argument aus zwei Gründen für problematisch. Zum einen ist es moralisch fragwürdig, weil es an Punkten vorbeigeht, die eigentlich kaum zu übersehen sind. Zum anderen entspringt eine solche Argumentation letztlich einer Position ökonomischen Analphabetismus und einem nicht durchgehend stringenten logischen Denken.

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