Lebendigkeit

Gedanken zu Ostern. Von M.A. Karjalainen
Lebendigkeit

Alles Leben ist dem Tod geweiht. Und die Lebendigkeit nur wahrhaft spürbar, wenn wir uns dem Dasein vom letzten Augenblick her nähern. Eine Zumutung. Ein beständiger Kampf mit der Sinnlosigkeit. Insbesondere, wenn eines der Wesen dieser wundervollen Schöpfung sein Leben aushaucht.

Sinnlosigkeit des Lebens, weil es den Tod gibt?

Seit ich mich den Großteil des Jahres mitten in der Natur aufhalte, bin ich beständig von dieser aus dem Bewusstsein unserer westlichen Gesellschaft verdrängten Tatsache umgeben. Diese Form der Bewusstlosigkeit ist nicht aufrecht zu erhalten, wenn du tagtäglich mit sterbenden oder bereits verstorbenen Wesen zu tun hast.

Um nur einige wenige Beispiele zu nennen:
Der Schmetterling am Ende eines Sommers. Die von einem Auto überfahrene Kreuzotter. Die im Spinnennetz gefangenen Mücken. Das vom Fuchs tot gebissene Huhn. Die Wespe, die sich in die Werkstatt verirrt hat und irgendwann ihren Kampf gegen die Fensterscheibe ihr Leben lassen musste. Der Regenwurm, der der Amsel zur Nahrung dient. Die Borkenkäfer, die der Specht genüsslich verspeist. Die Ameise, die ich – unachtsam wie ich trotz allem noch bin – mit einem unbedachten Fußtritt getötet habe.

All diese Tode führen mich – zumindest für einige Augenblicke – in eine tief empfundene Trauer über diese Vergänglichkeit. Und wenn ich auf eine von einem Auto tot gefahrenen Katze mit meinem Fahrrad am Weg zu den Einkäufen treffe, dann bringt mich das mitunter für viele Stunden zum Nachdenken. Manchmal empfinde ich eine große Wut, einerseits über die Unachtsamkeit der Menschen, andererseits über die Ungerechtigkeit dieser Form des Todes. Ja, auch des Todes an sich. Manchmal lösen diese Ereignisse Traurigkeit aus, Traurigkeit über das, was allen Menschen bevorsteht. Diese Gefühle, sowohl Wut als auch Trauer können lähmen. Lähmung als krasses Gegenteil von Lebendigkeit. Wie ein von Sicherheit dominiertes Leben, das kein Leben mehr ist.

Das Dasein ist nur dann ein wirkliches, wahrhaftiges, wenn es sich zur Gänze der Lebendigkeit preisgibt. Das ist das Bewundernswerte an all den Wesen, denen es an der Möglichkeit zur Reflexion und zum Grübeln fehlt. Sie leben einfach. Von einem Augenblick zum nächsten. Ganz lebendig. Einfach lebenswert. In tiefer Verbundenheit mit dem Sinn ihrer Existenz.

Wunderbare Gedanken zum Thema Lebendigkeit hat sich der Biologe und Philosoph Andreas Weber in seinem gleichnamigen Buch gemacht, das ich an dieser Stelle herzlich empfehlen mag.

Bildrechte:
Bild von
Kathy Büscher auf Pixabay


No comments yet.