Das Ende der verschulten Gesellschaft

FreiSein durch das Beschreiten selbstbestimmter Bildungswege
Das Ende der verschulten Gesellschaft

Es ist wieder einmal soweit. Das Ende eines weiteren Schuljahres steht bevor und neben der Freude auf die bevorstehenden langen Sommerferien herrscht bei vielen Schülern, Eltern und Lehrern aktuell noch Notenstress. Unter den unseligen Zuständen (nicht nur) im österreichischen Bildungssystem leiden nämlich alle Betroffenen. Die Baustellen sind bekannt. Immer wieder werden – so auch vom derzeit amtierenden Bildungsminister Christoph Wiederkehr vom kleinsten Koalitionspartner der österreichischen Bundesregierung, den NEOS – Reformvorschläge unterbreitet, die nicht umgesetzt werden. Das hat zumindest zwei Gründe: Zum einen scheitern sie an den parteipolitischen Gegensätzen in Bildungsfragen, zum anderen bewirken Reformen leider immer nur eine Verfestigung des Bestehenden. Ein Neustart ist daher dringend angesagt, denn die Grundlagen für gelingende Bildung sind wesentlich andere als die, die derzeit herangezogen werden.

Natürliches vs. schulisches Lernen
Einem sinkenden Bildungsniveau begegnet man nicht mit der Umpolung von Bildungsinhalten in Richtung Kompetenzerwerb und Ausbildung; auch nicht mit dem Hinausdrängen humanistischer Bildungsinhalte aus Lehrplänen und Stundentafeln zu Gunsten von Künstlicher Intelligenz und MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Vielmehr muss es um Interessen und Bildungsbedürfnisse der Lernenden gehen. Und dazu bedarf es eines völlig neuen Blicks auf das Lernen selbst – wie wohl diese Erkenntnisse gar nicht neu sind. Menschen sind tatsächlich vom Anfang ihres Lebens bis zu dessen Ende lernende Wesen. Lernen liegt quasi in unserer Natur. Und damit sind wir beim Kern erfolgreichen Lernens angelangt. Es ist natürlich und nicht schulisch. Oder haben wir, um uns auf zwei Beinen fortzubewegen einen Geh-Lehrer gebraucht? Ist der Erwerb unserer Erstsprache mit Sprachunterricht einhergegangen? Und waren das Erlernen von Radfahren und Schwimmen immer nur dann erfolgreich, wenn wir den richtigen Trainer an unserer Seite hatten? Ans Ziel gelangt sind wir immer dann, wenn wir einen Anreiz hatten, uns diese Fähigkeiten anzueignen. Es ging dabei auch nicht ums Üben, sondern ganz einfach ums Tun, also ums regelmäßige Anwenden. Das haben die so genannten Reformpädagoginnen und Reformpädagogen erkannt, aber auch Denker wie Ivan Illich und Bertrand Stern.

Strukturelle Gewalt des Bildungssystems
Bildungssysteme neigen durch das Verkennen dieser Grundsätze nicht selten zu struktureller Gewalt, wie sie die Psychologin Franziska Klinkigt beschreibt. Denn sie zwingen (junge) Menschen dazu, zu beweisen, dass sie zu einem von außen bzw. oben festgelegten Zeitpunkt ein von außen bzw. oben festgelegtes „Wissen“ erfolgreich wiedergeben, es also reproduzieren ohne es zu hinterfragen oder zu kommentieren. Auch das Verstehen ist nicht Grundvoraussetzung für gute Noten. Wer sich dem verweigert, hat keine legalen Möglichkeiten, eigene Bildungswege einzuschlagen. In Deutschland herrscht sogar ein von Bertrand Stern auf diese Weise treffend bezeichneter „Schulanwesenheitszwang“. Aber auch die in Österreich gegebene Option des häuslichen Unterrichts ermöglicht keineswegs ein selbstbestimmtes bzw. „frei sich bilden“. Während in Deutschland also tatsächlich eine Schule vor Ort besucht werden muss, gilt es in unserem Land alljährlich Externistenprüfungen, die mittlerweile zentral gesteuert sind, abzulegen. Und das nicht zu knapp. Während in der Grundschule meist eine Gesamtprüfung genügt, sind ab der Mittelstufe Leistungsfeststellungen in allen lehrplanrelevanten Fächern über den Jahresstoff vorgeschrieben. Wird eine davon negativ bewertet, ist Schluss mit dem häuslichen Unterricht, der betroffene Schüler muss das Jahr in einer öffentlichen Schule wiederholen.

Kein Wunder, dass sich eine wachsende Zahl von jungen Menschen und deren Eltern, selbst dieser Möglichkeit entziehen wollen. Das hat allerdings immer härtere Folgen. Neben den für eine Verletzung der Schulpflicht, die ja eigentlich eine Unterrichtspflicht ist, vorgesehenen Verwaltungsstrafen, die vor allem ins Geld gehen, gibt es immer mehr Verfahren vor den Familiengerichten, in denen die Gefahr besteht, dass Eltern – wohlgemerkt „im Sinne des Kindeswohles“ (!) – entweder die gesamte Obsorge oder zumindest jene in Bildungsfragen entzogen wird. Eine größere Chuzpe ist kaum vorstellbar. Möchte man ein Kind tatsächlich zu seinem Wohl in eine dieser Schulen zwingen? Notfalls gar mit Polizeigewalt? Diese Maßnahmen erinnern an die längst vergangen geglaubten Umtriebe der autoritären, der schwarzen Pädagogik.

Ein weiteres Paradoxon ist darin zu sehen, dass das in der Verfassung garantierte Recht auf Bildung durch die vorhin zitierte Unterrichts- und seit einigen Jahren danach bis zur Volljährigkeit durch eine Bildungspflicht ermöglicht wird. Ein Widerspruch, wie er größer nicht sein könnte.

Was aber wäre sinnvoll?

Alternativen sind gefragt
Wer mag, soll gerne weiter in eine (solche) Schule gehen (dürfen). Für die stetig wachsende Zahl derer, für die eine solche Bildungsanstalt nicht gemacht ist, braucht es aber legale Wege, um sich frei und selbstbestimmt bilden zu können. Für die Weiterentwicklung der Gesellschaft und der ganzen Welt, in der sich die hausgemachten Probleme nur so auftürmen, braucht es genau solche Menschen, die im Sinne Albert Einsteins diese auf einer anderen Bewusstseinsebene zu lösen fähig sind, als auf jener, auf der sie entstanden sind.

Entfaltungsräume für die Jüngsten
Und das beginnt ja eigentlich nicht erst in der Schule, sondern schon in der elementarpädagogischen Bildung. Auch hier werden in völlig weltfremden Strukturen junge Menschen auf Basis von Bildungsplänen zur Schulfähigkeit erzogen, die sie dann bei der Schuleignungsfestellung beweisen müssen. Schulreife war gestern. Wenn man den Begriff je ernst genommen hätte, dann hätte man niemals einen fixen Zeitpunkt für die so genannte Einschulung festlegen dürfen. So betrachtet gilt also bereits in den jüngsten Lebensjahren die Verschulung des Menschen, deren Ziel nicht das eigenverantwortliche, sondern das funktionierende Wesen ist. Also: schon hier müssen Möglichkeiten geschaffen werden, auf deren Basis Eltern ihre Sprösslinge im und ins Leben begleiten können, unterstützt und ergänzt von Bildungseinrichtungen. Der jüngste Mensch aber ist nicht hauptberuflich Kindergruppen- oder Kindergartenkind. Das Angebot der Tageseltern ist hier durchaus eines, das man ausbauen sollte. Denn nur in kleinem, individualisierten Rahmen kann den tatsächlichen Interessen, Begabungen und Talenten der nötige Raum zu deren Entfaltung gegeben werden.

Individualisierte und differenzierte Bildung finanziert von der öffentlichen Hand
Die Aufgabe der öffentlichen Hand besteht also darin, nicht bloß die bestehenden Einrichtungen zu fördern, sondern vielmehr passende differenzierte und individualisierte Bildungsangebote zu finanzieren und zur Verfügung zu stellen. Ivan Illich hegte in den 1970er-Jahren die große Hoffnung, dass der Computer eine solche Trendwende einleiten würde. Bertrand Stern hat seine Vision nicht zuletzt im Film „Caraba – Leben ohne Schule“ beschrieben. Dabei findet man an einem Ort, der einer Bibliothek gleicht, Informationen und Materialien zu Bildungsinhalten sowie ein Netzwerk von Menschen, die diese nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch vermitteln können und wollen. Im Film wird am Leben verschiedener Protagonisten deutlich, dass der Lebensbezug von Bildung entscheidend ist (man kann auch beim Taxifahren lernen) und dass die viel gerühmten Kulturtechniken Lesen, Schreiben und mathematische Grundkenntnisse auch und sogar viel besser implizit gelernt werden und nicht durch ständiges stupides Üben. Den klassischen Lehrer gibt es in dieser Vision nicht mehr, eher den in seinem Bereich kompetenten Lernbegleiter. Wobei Wissen auch dadurch entsteht, indem man miteinander und voneinander lernt. Ein gelungenes Beispiel dafür ist auch die von Don Lorenzo Milani 1955 ins Leben gerufene Schülerschule von Barbiana, die mit seinem Tod 1967 leider Geschichte war.

Schulabschluss nicht zwingend nötig
Zu beachten ist bei der Wahl von selbstbestimmten Bildungswegen, dass Eltern sich zwar mit ihrer Begeisterung und Begabung einbringen können, aber eher dafür zuständig sind, den Bildungsprozess ihres Nachwuchses zu koordinieren. Zudem sollten sich diese auch von der Sorge befreien, dass aus ihren Sprösslingen ohne Schulabschluss nichts G’scheites werde. Denn Unternehmen, vor allem jene, die Lehrstellen anbieten, suchen händeringend junge Menschen, die lernfreudig, verantwortungsbewusst sind und selbständig denken können. Alles Eigenschaften, die Schule nicht fördert oder sogar verhindert. Auch im Hinblick auf die tertiäre, die universitäre Bildung, die ja schon seit einigen Jahrzehnten durch den so genannten Bologna-Prozess völlig verschult ist, sollte man sich keine Sorgen machen. Wenn ein frei sich bildender Mensch einer solchen Herausforderung stellt, wird er erwiesenermaßen erfolgreicher sein als seine verschulten Kollegen. Oder er wird diesen Weg gar nicht einschlagen, sondern sich auf das konzentrieren, was er zum Beruf machen will, um seine Existenz zu sichern und zum Wohl für die Gesellschaft, aber auch sich zu wirken.

Wandel gelingt nur von unten
Wenn der Druck auf die zuständigen Politiker vor allem von Seiten der Eltern nicht massiv steigt, wird es zu keinem Wandel kommen. Auch Schülerproteste für ein neu aufgesetztes wirklich verfassungsgemäßes Bildungsangebot wären ein probates Mittel. Und wenn sich auch jene Lehrer einschalten, die dem Schulsystem den Rücken gekehrt haben, dann wird es ein Leichtes sein, jene kritische Masse zu erreichen, die einen erfolgreichen und folgenreichen Umbruch einleitet. Dieser wird je nach Theorie jedenfalls nicht erst dann erreicht, wenn die Mehrheit davon überzeugt ist, sondern schon, wenn er von weit weniger als 50% der Betroffenen getragen wird.

Bis dahin wird es noch notwendig sein, sich dem Unterrichts- bzw. Bildungszwang zu entziehen.

Der Kampf gegen die Windmühlen des Systems ist eine viel zu zeit- und nervenaufreibende Angelegenheit, die dem Zweck, aber vor allem dem eigenen Nachwuchs nicht dient. Es gibt durchaus kreative Lösungen und erprobte Möglichkeiten, die entdeckt werden wollen. Auch besteht durchaus Zuversicht, dass bestehende Bildungssysteme in nicht all zu ferner Zeit implodieren und damit der Raum für das wirklich Neue entsteht. Dieses aber will jetzt schon für die Phase danach vorbereitet werden.

Wer sich dazu informieren will oder selbstbestimmte Bildungswege für den eigenen Nachwuchs ins Auge fassen möchte, kann dies gerne im Rahmen eines Informationsgespräches tun:
https://entfaltungsbegleitung.wordpress.com/individuelle-bildungsweg-lernbegleitung/

Weitere Links zum Thema:

Freilerner Netzwerk: https://freilerner.at

Franziska Klinkigt: http://franziskaklinkigt.de/

Bertrand Stern: https://www.bertrandstern.de/

Ivan Illich: https://www.convivial.de/illich-archiv

Schülerschule von Barbiana: https://www.peaconference.org/post/buchvorstellung-brief-an-eine-lehrerin-die-schule-von-barbiana

Caraba – der Film: https://www.caraba.de/

WINGS Academy: https://www.wings-genial.org/

Photo by Peter Dlhy on Unsplash


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